Weinkultur via Internet?

MEDIENgedanken: Spartenmagazine, Zeitgeist und Konsumgewohnheiten

  • Von Reiner Balcerowiak
  • Lesedauer: 4 Min.

Die radikale Veränderung der medialen Konsumgewohnheiten macht auch vor einer Zeitschriftensparte nicht halt, die bis vor einigen Jahren stetiges Wachstum verzeichnete. Die sogenannten Genussmagazine verlieren rasant Abonnenten und Kioskkäufer, wie aus den Zahlen des für die Reichweitenprüfung zuständigen Branchendienstes IVW für 2011 hervorgeht. Branchenprimus »Der Feinschmecker« hat demnach seit 2007 27,8 Prozent seiner Abonnenten und 31,6 Prozent seiner Kioskkäufer verloren. Viele gedruckte Fach- und Spartenmagazine leiden an einer Art demografischem Leserschwund. Nachwuchsleser sind für derartige Blätter kaum in Sicht. Informationen holt man sich heute zunehmend aus dem Internet, wo zudem mit anderen Interessenten über die Inhalte kommuniziert werden kann. Zudem wirken das elitäre Getue und die gestelzte Sprache in vielen Genussmagazinen nur noch als lächerliche Relikte eines vergangenen Medienzeitalters. Dazu kommt die oftmals unübersehbare Grauzone zwischen Journalismus und PR.

In der Selbstdarstellung der Verlage setzt man aber offensichtlich immer noch auf die alten Konzepte. Der Hamburger Jahreszeiten Verlag preist seine Produkte mit dem »Feinschmecker« an der Spitze unverdrossen als »Premium-Magazine mit viel Stil als erste Adresse für eine einkommensstarke und konsumfreudige Zielgruppe«. Das klingt angesichts der Auflagenentwicklung nach Pfeifen im Walde.

Als Konkurrenten, auch auf dem Werbemarkt, sind längst auch normale Tages- und Wochenzeitungen auf den Plan getreten. Kaum ein größeres Blatt kommt mittlerweile ohne Weinbeilagen und -kolumnen aus. Viele Zeitungen vertreiben sogar eigene Weinpakete. Dazu kommt - meistens in Wochenendausgaben - umfassende Berichterstattung zu Genussthemen, wobei Aspekte wie Verbraucher- und Umweltschutz, gesunde Ernährung und Regionalität einen hohen Stellenwert haben. Und von der sprachlichen Qualität sind viele dieser Beiträge dem ewig gleichen Gourmet-Geplapper in den Hochglanzmagazinen meilenweit überlegen.

Gerade in großen bürgerlichen Medien wie der »Zeit« oder der »Süddeutschen Zeitung« wurde teilweise adäquat auf den Zeitgeist reagiert. Denn das »moderne« Bürgertum Ist zwar ebenfalls genussorientiert und konsumstark, hat aber ein paar andere Parameter in seinen Lifestyle integriert. Ohne »Nachhaltigkeit«, »Ressourcenschonung« und »Verantwortung« sind da kaum noch Blumentöpfe bzw. Abos zu gewinnen. Spätestens nach dem Wahlerfolg der Grünen im bürgerlich-konservativ geprägten Baden-Württemberg sind diese soziokulturellen Verschiebungen unübersehbar.

Bliebe noch das Internet, das sich scheinbar unaufhaltsam zum zentralen Informations- und Unterhaltungsmedium entwickelt. Der Marktführer unter den deutschsprachigen Weinblogs, »Wein-Plus«, verzeichnet mittlerweile durchschnittlich über 6000 Seitenaufrufe pro Tag. Auch »Würtz-Wein«, »Captain Cork« oder »The Drink Tank« haben stabile und vor allem steigende Nutzerzahlen. Die Zahl ihrer monatlichen Zugriffe übersteigt nicht selten die Auflage der meisten Gourmetzeitschriften. Eine teilweise äußerst lebendige Community sorgt, auch unter Einbeziehung sozialer Netzwerke wie Facebook, für muntere, mitunter heftige Diskussionen. Und es gibt einen Big Point bei der Kundenfreundlichkeit: Immer mehr Menschen bestellen auch Wein im Internet. Da bietet ein Link zum entsprechenden Webshop des Winzers, Importeurs oder Vertreibers bei jeder Weinbesprechung natürlich einen Service, den kein Hochglanzmagazin bieten kann.

Das soll nicht heißen, dass die schöne neue Webwelt per se eine bessere ist. Egal ob Wein, Weltverschwörungen oder schlichter Betrug: Noch nie in der Menschheitsgeschichte war es so einfach, auch den allergrößten Wahnsinn in Sekundenschnelle um den Planeten zu jagen. Kein vernünftiger Mensch fordert Zensur, aber das Bewahren journalistischer oder auch nur ganz allgemeiner zivilisatorischer Standards ist in diesem virtuellen Umfeld eine kaum lösbare Aufgabe. Und natürlich stellt sich auch bei Weinblogs nicht selten die Frage nach der Grauzone zwischen Werbung und Journalismus. Eher undurchsichtige Redaktionsstrukturen erleichtern geschicktes Product Placement erheblich. Ferner kommt es nicht selten vor, dass als Bezugsquelle für einen besprochenen Wein ein Werbepartner angegeben wird, obwohl dieser Wein direkt beim Winzer - ebenfalls via Internet - für weniger Geld erhältlich wäre. Derartige Bestell-Klicks beim Werbepartner bringen dem Blogbetreiber eine Art Provision ein.

Auch sonst hapert es mit der Professionalität. Nur einige der Weinblogs zahlen ihren Autoren überhaupt Honorare, die dann allerdings erheblich unter dem Niveau von Printmedien liegen. Darunter leidet natürlich die journalistische Qualität. Aber solange die meisten Internetnutzer nicht bereit sind, entsprechende Blogs beispielsweise durch Abonnements oder Gebühren für Einzelabrufe mitzufinanzieren, wird sich das kaum ändern.

Der Autor lebt und arbeitet als freier Journalist und Weinpublizist in Berlin und Wandlitz. Zuletzt erschien von ihm »Das demokratische Weinbuch« (Mondo Verlag Heidelberg).

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