Von Norbert Suchanek

Wo einst ein Mangrovensumpf war

Die Stadtregierung von Rio hat vor dem UN-Gipfel den Polizei- und Militäreinsatz verstärkt, aber die Befriedung der Favelas dauert seit Jahren an

Im Kongresszentrum »Riocentro« startet am Mittwoch der UN-Gipfel »Rio+20«. Nichts erinnert mehr an das Naturschutzgebiet, das hier einst angesiedelt war.

Als der »Club of Rome« 1972 seinen Umweltbericht »Die Grenzen des Wachstums« veröffentlichte, tummelten sich in den Lagunen, Mangrovensümpfen und Dünen von Jacarepaguá und Barra da Tijuca noch Kaimane, Riesenschlangen und Ozelots. Das Gebiet vor den Toren Rio de Janeiros war eines der artenreichsten Naturschutzgebiete mit kilometerlangen, unbebauten Stränden. Doch die Regierung der brasilianischen Metropole stampfte wenig später genau dort ein neues Stadtviertel für die obere Mittelklasse im Stile von Miami Beach samt achtspurigen Highways und Airport aus dem Sumpf. Hier entstand auch das Kongresszentrum »Riocentro«, das 1992 den ersten UN-Gipfel für Umwelt und Entwicklung beherbergte und nun auch Versammlungsort der Nachfolgekonferenz »Rio+20« ist.

Selbstverständlich ist das »Riocentro« fern von Copacabana, Zuckerhut und dem alternativen »Gipfel der Völker« am populären Strand von Flamengo. Seit der vergangenen Woche sichern insgesamt 13 000 Soldaten und 7000 Militär- und Zivilpolizisten das Kongresszentrum sowie die anderen quer durch Rio verstreuten Veranstaltungsorte des UN-Nachhaltigkeitsgipfels gegen jegliche mögliche Angriffe, seien es Cyber- oder Terrorattacken. »Wir haben alles detailliert geplant«, versichert Brasiliens Verteidigungsminister Celso Amorim. Einheiten von Polizei und Streitkräften patrouillieren außerdem vor den 38 für die internationalen Delegationen ausgewählten Hotels sowie entlang der Zugangsstraßen und strategischen sensiblen Infrastrukturen wie Flughäfen, Kraftwerken und Wasserwerken.

Schwer bewaffnete Soldaten, Panzerfahrzeuge und tieffliegende Militärhubschrauber im Stadtbild sind für die Cariocas, wie sich die Bewohner der Stadt selbst nennen, nichts neues. Dieser »Ausnahmezustand« ist seit Jahren Alltag. Anders als 1992 begannen die Gipfelvorbereitungen diesmal schon vor Jahren. Gouverneur Sergio Cabral ließ ab 2008 die strategisch wichtigsten Favelas - Stadtviertel, in denen Polizei und Staat keine oder nur begrenzt Kontrolle haben - nach und nach per Kampfhubschrauber und mit massiven Militär- und Polizei-Invasionen mit einem hohen Blutzoll von Seiten der Bewohner von Drogendealerbanden säubern. Einheiten der »Befriedungspolizei« sollten danach dauerhaft für Ruhe sorgen. Erst wenige Tage vor Beginn von »Rio+20« nahmen 150 Soldaten das für einen hohen Drogenumsatz bekannte Viertel Santo Amaro ein - es liegt nahe des Austragungsortes des »Gipfels der Völker« am Aterro do Flamengo - und halten es bis heute unter Militärkontrolle.

Parallel zu den Invasionen der Favelas startete die Stadtregierung die sogenannten »Choques de Ordem« (Ordnungsschocks). Spezialeinheiten verbannten Straßenverkäufer ohne Papiere von Plätzen und Straßen, Obdachlose wurden und werden in VW-Transporter gepackt sowie in Obdachlosenasyle fern des Zentrums transportiert, was allerdings in vielen Fällen nur eine »Verbannung« für einige Stunden oder Tage bedeutet. Meist kehren die Obdachlosen wieder an ihre üblichen Plätze zurück, wo sie mit Gelegenheitsarbeiten, dem Sammeln von Aluminiumdosen oder Betteln zumindest überleben können.

Eine spezielle »Säuberungsaktion« kurz vor dem Eintreffen der Staatschefs am Mittwoch wie zum Erdgipfel 1992 gab es indes nicht. Straßenkinder und Obdachlose jeglichen Alters sind weiterhin Teil des Stadtbilds der Metropole am Zuckerhut. Lediglich punktuell an den Veranstaltungsorten ist die Anzahl der von und auf den Straßen lebenden Bevölkerung Rios reduziert.

Teilnehmer, die schon bei der UN-Umweltkonferenz vor 20 Jahren in Rio waren, werden im übrigen den Stadtteil rund um das »Riocentro« kaum mehr wiedererkennen. Auch nach dem damaligen Erdgipfel setzte die Stadtregierung die Asphaltierung und Zementierung Barra da Tijucas und angrenzender Gebiete auf Kosten der Naturlandschaft kontinuierlich fort - während sie die historischen Viertel im Stadtzentrum weitestgehend dem Verfall überließ.

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