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Knüppel gegen Blues

Vor genau 50 Jahren erschütterten Straßenschlachten das Künstlerviertel München-Schwabing

  • Von Sabine Dobel, dpa
  • Lesedauer: 4 Min.

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Nächtelang tobt die Straßenschlacht: Lange vor den Studentenunruhen eskaliert 1962 im damaligen Münchner Künstlerviertel Schwabing die Auseinandersetzung zwischen empörten jungen Leuten und der Polizei. Die Schwabinger Krawalle gehen in die deutsche Geschichte ein.

München. Der Anlass ist nichtig. Fünf Straßenmusiker mit Gitarren, drum herum gut gelaunte Zuhörer. Ein Anwohner beschwert sich, die Polizei nimmt die Musikanten mit. Das fröhliche Fest endet in nächtelangen Straßenschlachten. Die Schwabinger Krawalle beunruhigten das prosperierende Adenauer-Deutschland - und sind bis heute ein unrühmliches Blatt in der Geschichte der Polizei.

Teils berittene Beamte und bis zu 10 000 Protestierer lieferten sich Schlägereien. Es gab Hunderte Festnahmen und viele Verletzte. Bis heute suchen Historiker Erklärungen für die Eskalation. »Es war politisch überhaupt nicht gerichtet«, sagt der Schauspieler Wolfram Kunkel. Der 69-Jährige war einer der Musiker - und damit »Auslöser«.

Kommunistische Umtriebe

»Ich meine, es war schlicht wie ein Kübel kaltes Wasser auf einen vergnüglichen Nachmittag und Abend«, sagt Kunkel. »Den Leuten hat gefallen, was wir gespielt haben. Das wollte man sich da nicht wegnehmen lassen.« Ein »südliches Gefühl« sei übergekocht.

Der 21. Juni 1962 war der erste schöne Sommertag, viele genossen den warmen Abend. Der Feinmechanikerlehrling Kunkel und vier Freunde spielten an der Leopoldstraße: Spirituals, Blues, Volksweisen. »Wir hatten Volksmusik aus aller Welt gesammelt.« Lieder aus Finnland und Griechenland, aber auch aus Russland und der Ukraine. Grund genug, Kunkel später, als bei ihm auch Bücher von Fjodor Dostojewski und Leo Tolstoi gefunden wurden, kommunistischer Umtriebe zu bezichtigen.

Die Krawalle gelten als Bindeglied zwischen der unpolitischen Jugendrebellion der späten 1950er Jahre und der 1968er Bewegung. »Es scheinen Elemente der ›Halbstarkenkrawalle‹ durch: Lust am Risiko, das Herausfordern der Polizei, das Ausloten der eigenen Grenzen«, sagt der Historiker und Autor Gerhard Fürmetz. Bei den Studenten sei es um verletztes Rechtsempfinden gegangen. »Sie waren entsetzt von den Eingriffen in ihr Viertel und wollten sich bewusst nicht von der Polizei gängeln lassen.« So eint der Protest im Künstlerviertel Schwabing Studenten, Lehrlinge und junge Arbeiter. Als die Streife mit den Musikern losfahren will, hebt die Menge das Auto hoch. Wenig später ist ein Reifen platt - die Beamten rufen Verstärkung.

Während Kunkel und seine Freunde in einer engen Polizei-Zelle halb stehend die Nacht verbringen, gehen die Auseinandersetzungen weiter. Die Härte des Polizeieinsatzes provoziert. Am nächsten Abend bummeln Menschen Eis essend über die Leopoldstraße, stellen Stühle der Cafes hinaus, bis der Verkehr steht. Wieder reagiert die Staatsmacht hart. Fünf Nächte geht das. Flaschen und Steine fliegen. Auch Touristen und Anwohner, die in ihre Häuser wollen, bekommen laut Fürmetz Schlagstöcke ab. Die Beamten sind überfordert, klare Vorgaben fehlen. Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel (SPD) versucht mit den Protestierern zu sprechen - erfolglos.

Baaders Schockerlebnis

Ganz aus dem Nichts kamen die Krawalle nicht. »Es hatte sich in Schwabing eine Atmosphäre von Ungezwungenheit und Straßenkultur herausgebildet, die der Polizei schon länger ein Dorn im Auge war«, sagt Fürmetz. »Die Polizei war geprägt von der Vorstellung, dass Massenansammlungen potenziell gefährlich sind. Man war im Kalten Krieg, so dass man immer gleich kommunistische Destabilisierungsversuche vermutete. Dazu kommt, dass die Polizei überhaupt nicht auf solche Protestaktionen vorbereitet war. Und es ging natürlich darum zu zeigen, wer die Ordnungsmacht in Händen hat.« Erst mit schlechtem Wetter kehrte Ruhe ein. »Das Polizeisportfest fällt heute wegen schlechter Witterung aus«, hieß es auf satirischen Aushängen. Als Konsequenz entwickelte die Polizei die bis heute gültige Münchner Linie, geprägt von Deeskalation, aber auch entschiedenem Eingreifen schon bei geringen Anlässen.

Gegen rund 250 junge Leute wurde ermittelt, gut 50 Strafen - teilweise Haftstrafen - wurden verhängt. Polizisten wurden kaum belangt. 143 wurden laut Fürmetz angezeigt, aber nur einer der Beamten, die auf der Straße dabei waren, wurde rechtskräftig verurteilt.

Ob die Krawalle das Entstehen der 1968er Bewegung beeinflusst haben, bleibt ebenso umstritten wie ihre Wirkung auf den späteren RAF-Terroristen Andreas Baader. »Weißt du Mutter, in einem Staat, wo die Polizei mit Gummiknüppeln gegen singende junge Leute vorgeht, da ist etwas nicht in Ordnung«, zitiert der Publizist Butz Peters Baaders Mutter. Das Vorgehen der Polizei sei für den 19-Jährigen ein Schockerlebnis gewesen.

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