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Ohne Blasen an den Füßen

»Dein Weg«

  • Von Angelika Kettelhack
  • Lesedauer: 3 Min.

Vom Tod seines Sohnes erfährt der erfolgreiche, in Kalifornien lebende Augenarzt (gespielt von dem großen amerikanischen Schauspieler Martin Sheen) beim Golfspielen. Sein Sohn ist in den Pyrenäen, am Beginn des vielgerühmten Jakobsweges, abgestürzt. (Der Sohn: dargestellt von Sheens wirklichem Sohn Emilio Estevez, dem Regisseur von »Dein Weg«.) Der Arzt fliegt umgehend nach Spanien, wo ihm neben der Urne mit der Asche auch der Rucksack seines Sohnes übergeben wird. Dieser Überrest eines lebenshungrigen jungen Menschen, der im Gegensatz zu seinem etwas borniertem Vater immer bereit gewesen war, Neues zu entdecken, enthält alle Utensilien, die ein Pilger für die 880 Kilometer lange Wegstrecke von Roncesvalles über Pamplona, Burgos, León, Astorga, Cebreiro bis nach Santiago de Compostela benötigt. Der Trauernde findet Trost in dem Gedanken, den Jakobsweg für seinen Sohn zu Ende zu gehen und an jedem ihm mystisch erscheinenden Ort ein wenig von seiner Asche zu verstreuen. Er ahnt nichts von der Beschwerlichkeit dieses Fußmarsches bei sengender Sonne oder tagelangem Regen.

Auch wenn es ihn zunächst ziemlich nervt, wird er bald - wie es für den »Jakobsweg« so typisch ist - von wechselnden Mitpilgern oder Kumpels aus aller Herren Länder begleitet. Drei werden dann echte Freunde: Die intellektuelle Kanadierin Sarah (Deborah Kara Unger), der übergewichtige Holländer Joost (Yorick van Wageningen) und der ausgeflippte Ire Jack (James Nesbit). Alle haben unterschiedlichste Erwartungen, sind auf Sinnsuche oder Selbstfindung.

»Dein Weg« ist nicht die erste künstlerische Auseinandersetzung mit dem Wehe und den Wonnen des Phänomens »Jakobsweg«. Das geht von Shirley MacLaines Buch über den von Coline Serreau gedrehten wunderbar skurrilen Film »Saint Jacques - Pilgern auf Französisch« bis zur selbstironischen Version von Hape Kerkeling »Ich bin dann mal weg«. Hinter dem ganzen Unternehmen von »Dein Weg« steht eine weitverzweigte Familiengeschichte: Martin Sheens Vater stammt aus einem Dorf bei Santiago. Als Schauspieler in Amerika versprach Sheen sich wohl eine erfolgreichere Karriere als unter seinem spanischen Namen Ramon Estevez. Sein Sohn Emilio bekannte sich zu seinen Wurzeln und nannte sich wieder Estevez wie sein Großvater. Bei einer Familienfeier beschlossen Vater und Sohn, gemeinsam einen Film über den »Camino de Santiago« (Jakobsweg) zu drehen. Sheen hatte dafür allerdings nur sieben Tage Zeit. Und das merkt man dem Film an: Es werden zwar beeindruckende Landschaften gezeigt und philosophische Pilger-Gespräche wiedergegeben. Aber die Qualen der körperlichen Erschöpfung, die Blasen an den Füßen, die Last eines 30 Kilo schweren Rucksacks und die zum Teil erbärmlichen Zustände in den Herbergen werden verschwiegen.

Dennoch wird dieser Film wieder Tausende auf den Weg von Frankreich bis nach Galizien schicken - nicht nur die religiös oder spirituell gestimmten, sondern auch jene, die ihren sportlichen Ehrgeiz beweisen wollen. Aber alle werden von der Faszination des Wegs berichten.

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