Das Geheimnis vom Schödersee

Das österreichische Großarltal ist ein Wanderparadies

  • Von Hubert Thielicke
  • Lesedauer: 6 Min.
Mit seinen rund 40 bewirtschafteten Almhütten und mehr als 250 Kilometer markierten Wanderwegen gilt es als »Tal der Almen«. Vor zwei Jahren wurde das Großarltal mit dem Österreichischen Wandergütesiegel ausgezeichnet. Im September findet hier die 10. Wander-Weltmeisterschaft statt.

Am Parkplatz Stockham des Dörfchens Hüttschlag, wo es per Auto nicht mehr weiter geht, sammelt sich eine kleine Gruppe. Alle sind wanderfreudig, wollen mit Ranger Robert hinauf in die Berge des Nationalparks Hohe Tauern. Der gelernte Elektriker, seit einigen Jahren als Nationalparkführer tätig, weiß eine Menge zu erzählen über die Landschaft, ihre Pflanzen und Tiere, auch ihre Geschichte. »Der Nationalpark ist mit mehr als 183 Quadratkilometern der größte des Alpenraums, zieht sich über drei Bundesländer - Kärnten, Salzburg und Tirol«, berichtet er und zeigt auf den höchsten Berg - den Keeskogel, der mit seinen 2884 Metern den Talabschluss bildet.

Nun geht es los, entlang dem Flüsschen Großarler Ache, vorbei an einigen kleineren Seen. Die Gewässer bieten Laichplätze für Forellen, an den Ufern brüten Bachamseln. Früher lebten hier auch Fischotter, die aber inzwischen ausgestorben sind, wie auch Bartgeier, Steinbock und Luchs. Derzeit ist man bemüht, sie wieder einzubürgern. »Das Seegut wurde bereits im 12. Jahrhundert erwähnt, war einer der ältesten Höfe im Tal«, erzählt Robert und deutet auf eine Ruine am Wegrand. »Der Seebauer hatte die Händler zu versorgen, wenn sie auf dem Saumpfad übers Gebirge nach Italien zogen. Von hier brachte man vor allem Salz und Gold nach Venedig, aus dem Süden holte man Wein, Glas und Seide. Für eine Strecke brauchten die Händler mit ihren Saumtieren so um die zehn Tage.«

Gold und »gschamiges Madl«

Gold? »Ja, im Mittelalter wurde in Hüttschlag Kupfer und Schwefel gefördert, in den Nachbartälern auch Gold. Im 14. und 15. Jahrhundert, der Blütezeit des Goldabbaus in der Region, waren es dann schon mal 850 Kilogramm pro Jahr, etwa ein Zehntel der damaligen Weltproduktion, dazu noch ein Mehrfaches an Silber,« weiß der Bergführer zu berichten. Aber der Pfad über die Berge ist bedeutend älter; bereits die Kelten und Römer nutzten ihn vor mehr als 2000 Jahren.

Auf einer Holzbrücke wird der Schöderbach, der wichtigste Zufluss der Großarler Ache, überquert. Ein Schild weist darauf hin: Hier beginnt die Außenzone des Nationalparks. Ein zunehmend steiler, schmaler Pfad führt nun hin-auf in die Berge, immerhin sind 400 Höhenmeter bis zum Ziel zu überwinden. Riesige Felsbrocken engen den Weg mitunter ein, von den Berghängen stürzen Wasserfälle. Während einer kurzen Verschnaufpause beobachten die Wanderer das Gewusel an einem großen Ameisenhaufen. Am Wege stehen mit Moos bewachsene Bäume, Robert verweist auf die Pflanzen: Heidelbeere, Wurmfarn, Glockenblume, Gemswurz. Ein kleines weißes Blümchen im Moos hat es ihm besonders angetan: »Das ist das einblättrige Wintergrün. Wir nennen es aber das gschamige Madl, weil es sein Köpfchen so verschämt hängen lässt.«

Endlich am Ziel - Zeit für eine Pause

Vor uns breitet sich der Schödersee aus, auf einer Höhe von 1432 Metern. Zeit für die Mittagspause nach gut zwei Stunden Wanderung. Rund um das Hochtal erheben sich Berge mit malerischen Namen: Weinschnabel, Kreuzkogel, Zwölferspitz. Die Stille wird nur ab und an unterbrochen von den Glocken der Kühe, die sich am kristallklaren Wasser des Sees laben. Plötzlich ein Pfeifen, weit oben am Berghang sind einige Murmeltiere zu erahnen, die sich von einer Hirschkuh mit Kälbchen gestört fühlen. Während wir uns für den Rückweg rüsten, zeigt Robert die Berge hinauf: »Ein anspruchsvoller Weg führt über 800 Höhenmeter zur Arlscharte, einem Pass, vorbei an drei weiteren Seen, die alle von den umliegenden Gletschern gespeist werden.«

Nun enthüllt er auch das »Geheimnis des Schödersees«. Der See habe keinen sichtbaren Abfluss und doch gelange sein Wasser in den weiter unten entspringenden Schöderbach. Das Wasser bahnt sich unterirdisch seinen Weg durch den Karst. Ständig ändert der See seinen Wasserspiegel, schwillt im Frühling an, wenn die Schneelawinen von den Bergen stürzen, trocknet im Sommer mitunter aus. Früher regte das die Talbewohner zu sagenhaften Geschichten an. Sie führten das Geschehen auf die bösen »Schödermännchen« zurück, die unter dem See hausten und allerhand Schabernack trieben. Wer mehr darüber wissen möchte, kann sich nach der willkommenen Stärkung beim Talwirt in Hüttschlag noch in der kleinen Nationalparkausstellung informieren. Lohnenswert ist allemal ein Tagesausflug ins moderne Nationalparkzentrum in Mittersill. Neben Mineralien und Alpentieren, einem Eisblock zum Anfassen und Filmen über die Entstehung der Alpen, ihre Tier- und Wasserwelt ist der filmische »Adlerflug« über die Alpenlandschaft besonders sehenswert.

Das »Tal der Almen«

Kein anderes Tal in Österreich weist eine solche Dichte an Almen auf wie das Großarltal. Rund 40 Hütten versorgen die Wanderer und Mountainbiker auf etwa 250 Kilometer markierten Wanderwegen rund ums Tal, informiert Tourismusdirektor Thomas Wirnsberger. Nicht umsonst wurde es als erste Region im Bundesland Salzburg vor zwei Jahren mit dem Österreichischen Wandergütesiegel ausgezeichnet. Wem diese Strecken nicht reichen, der kann sich auf den Salzburger Almenweg machen, ein Rundwanderweg von rund 350 Kilometern.

Aber das größte Ereignis steht in diesem Jahr bevor. »Im September tragen wir hier die 10. Wander-Weltmeisterschaft aus. Wir erwarten etwa 800 Teilnehmer aus mehreren Nationen, die sich in Einzel- und Gruppenwertung um den Titel des Wander-Weltmeisters 2012 bewerben«, betont Thomas Wirnsberger. Empfehlenswert sei, bereits einige Tage eher anzureisen, um sich auf der einen oder anderen Strecke schon mal »warm« zu laufen. Sein »Geheimtipp«: der Kapellen-Wanderweg. Der auch für ungeübte Wanderer leicht zu laufende Pfad führt von Großarl über 17 km an 11 Kapellen vorbei nach Hüttschlag. Die Idee dazu hatte die Wirtin des »Almrösl«, selbst eine ausgebildete Wellnesstrainerin. »Nachdem ich 2007 den Jakobsweg gelaufen war, dachte ich, man müsste doch auch hier in unserem Tal Religiosität und Gesundheit verbinden können«, meint Helga Zraunig. Dabei sieht sie den Begriff »Religiosität« nicht so eng, sondern sehr persönlich, nicht an eine bestimmte Konfession oder Religion gebunden. Der 2009 eröffnete Kapellenweg erwies sich jedenfalls schnell als ein Publikumsmagnet.

Anstrengender ist da natürlich schon eine eintägige Almenwanderung, zum Beispiel im Ellmautal, dem größten Seitental in der Großarlregion. Ein steiler Anstieg führt vom Parkplatz in Grund, immerhin schon auf einer Höhe von etwa 1300 Metern, den Filzmoosbach entlang. Nach anderthalb Stunden heißt es: »Grüß eich, habt's scho bestellt?« Die Filzmoosalm, nun sind wir schon auf 1710 Metern, lädt zu einer wohlverdienten Erfrischung ein. Die Hütte zeigt sich in traditioneller Bauweise: unten die Kuhställe, darüber die Schlafräume für müde Wanderer. Weiter geht es bergauf, dann um den Talkessel zur Loosbühelalm, einer neuen, großen Anlage an der Stelle der vor einiger Zeit abgebrannten alten Hütte. Ein herrliches Panorama - zu unseren Füßen liegt das Tal bis hinunter nach Grund und Großarl. Gestärkt dank einer kräftigen Brettljause - Brot mit Schinken, Speck, Wurst und dem für die Gegend typischen Graukäse - laufen wir über die Weißalm zur Ellmaualm, wo bei 1795 Metern schließlich der höchste Punkt der Tour erreicht wird.

Übrigens, wer auf seinen Wegen immer fleißig Stempel sammelte, kann sich im Tourismusbüro zu guter Letzt ein Wanderabzeichen abholen. Fazit: Man muss nicht unbedingt an der WM teilnehmen, um sich mit Wander-Ehren zu schmücken. Eigentlich sind im Großarltal immer Wandermeisterschaften.

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