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Rotarmisten - zurück in Deutschland

Sie leben unter uns als unbemerkte Zeugen der Geschichte

  • Von Alexandre Sladkevich
  • Lesedauer: 3 Min.
Am 22. Juni 1941, vor 71 Jahren, begann Hitlerdeutschland den Eroberungsfeldzug gegen die Sowjetunion, der knapp vier Jahre später auf seine Urheber zurückschlug. Vermeintliche »Untermenschen« erwiesen sich als stärker. Manche von ihnen kehrten nach Jahrzehnten nach Deutschland zurück und lebten oder leben bis heute unbemerkt unter uns.
Eduard Schapiro
Eduard Schapiro

Eduard Schapiro aus Leningrad, heute St. Petersburg, war Fallschirmjäger. Er kämpfte in Belorussland, in der Ukraine, in Ungarn, Rumänien und Österreich. Knapp einen Monat vor dem Sieg im Mai 1945 wurde er verwundet.

Sinovij Krasny
Sinovij Krasny

Als ich ihn Jahrzehnte später traf, wirkte Eduard viel jünger, als er war: In seiner kleinen Wohnung in Frankfurt am Main schob er ständig etwas hin und her, stets war er beschäftigt, als müsse er schnell noch etwas erledigen, etwas Wichtiges für heute und die Zukunft. Daher fand er nicht einmal Zeit, seine Auszeichnungen an den Anzug zu heften. »Sie verlieren ihre Bedeutung auch nicht, wenn ich sie am Hemd trage«, sagte Eduard.

Die Kriegsjahre hatte er nicht verdrängt. »Unvergesslich« war ihm sein erster Fallschirmsprung geblieben, bildlich standen ihm Ungarn vor Augen, die ihr Blut für Brot spendeten. »Überall war zu hören: ›Ein wenig Brot, bitte …‹«

Eduard ruht inzwischen auf einem Frankfurter Friedhof. In den 90er Jahren war er nach Deutschland gekommen, wie viele andere Veteranen zusammen mit seinen Kindern. Sie kamen nicht als »Sieger«, sondern einfach als Menschen. Sie empfanden die Deutschen nicht als Feinde, obwohl es ihnen nicht leicht fiel, »nach Deutschland zurückzukehren«.

Reich an Lebensjahren, konnten sie sich nicht mehr assimilieren. Manche leben in Seniorenheimen, viele kränkeln und verlassen ihr neues Zuhause kaum noch. Allenfalls zu einem Arztbesuch, meist bei russischsprachigen Medizinern, denn Deutsch sprechen sie kaum. Andere gehen noch spazieren, einkaufen und besuchen gelegentlich Freunde. Am 8. Mai versuchen sie, zu einem Veteranentreff zu gehen. Wenigstens dieses eine Mal im Jahr treten sie aus der Vergessenheit, um gemeinsam auf die gefallenen Kameraden zu trinken und auf den Sieg anzustoßen.

Wenige ihrer deutschen Mitbürger denken daran, dass diese Senioren, die womöglich vor ihnen in der Schlange an der Kasse stehen oder hoffen, dass jemand ihnen einen Platz im Bus anbietet (»wie das bei uns üblich ist«), nach so vielen Jahren immer wieder die Kriegszeiten durchleben. Wie wohl alle alten Menschen leben sie mehr oder weniger in Erinnerungen, in der Vergangenheit.

Sinovij Krasny wohnt in Frankfurt am Main zusammen mit seiner Frau. Geboren im ukrainischen Winniza, war er Soldat, Funker. In der Schlacht um Stalingrad gewährleistete er die Funkverbindung für Marschall Wassili Tschuikow. Er erinnert sich selbst an Details der Kampfhandlungen: »Stalingrad wurde mehrmals am Tag bombardiert … Als das Bombardement zu Ende war, lagen Arme, Beine, Köpfe herum, von ihren Körpern getrennt …«

Es fällt Sinovij nicht leicht, davon zu erzählen. Er möchte sich auch nicht mit all seinen Auszeichnungen schmücken. »Der Orden des Großen Vaterländischen Krieges sagt alles«, glaubt er. Doch mehr als anderes verrät die Tatsache, dass er ein Bein verloren hat.

Die Veteranen sind ein vergessener Teil der Geschichte, die man doch nicht vergessen darf. Aber sie verlassen uns, einer nach dem anderen. Von Jahr zu Jahr schrumpft ihre Zahl. Es ist ihr Lebensabend, den sie hier verbringen, bevor sie in deutscher Erde beigesetzt werden - wie ihre gefallenen Kameraden vor über 67 Jahren.

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