Karlen Vesper 23.06.2012 / Wochennd

Die Würde des Einzelnen und die Würde des Gemeinwesens

Oskar Negt hat einen Gesellschaftsentwurf für Europa verfasst – Statt fiskalischer Rettungspakete brauchen wir einen Rettungsschirm für Kultur

Zukünftig werden im Wochen nd in loser Folge große Denker und Philosophen zu ihren Ideen und Perspektiven für eine bessere Welt befragt. Das »neue deutschland« knüpft damit an seiner Interview-Serie »Was kommt von links?« aus den 1990er Jahren an. Den Auftakt macht Oskar Negt, der dieser Tage mit seinem »Gesellschaftsentwurf Europa« im Steidl-Verlag ein Plädoyer für ein gerechtes Gemeinwesen vorlegte. Der Sozialphilosoph fordert eine Abkehr von der Währungsideologie, eine solidarische Ökonomie und ein kulturvolles Miteinander mündiger Bürger. Mit Professor Negt sprach Karlen Vesper.

nd: Herr Negt, bevor wir über Ihren Gesellschaftsentwurf für Europa sprechen, möchte ich Sie fragen: Was bedeutet für Sie Europa?Negt: Mein Europa-Bild hat seinen Ausgang in Kindheitserinnerungen, Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und die Flucht aus Königsberg sowie zweieinhalb Jahre Aufenthalt in einem Flüchtlingslager in Dänemark. Wir können heute stolz sein: Zum ersten Mal in seiner Geschichte kam Europa über 50 Jahre ohne Krieg aus ...Was ist mit Jugoslawien?Der Nato-Krieg gegen Jugoslawien hat den Kontinent nicht in ein Schlachtfeld verwandelt wie der Erste und der Zweite Weltkrieg oder der Dreißigjährige Krieg im 17. Jahrhundert. Zwischenstaatliche Kriege hat es in Europa nunmehr seit über einem halben Jahrhundert nicht gegeben. Das ist ein bewahrenswertes Gut. Deshalb bin ich jetzt sehr beunruhigt. Es droht aktuell zwar kein heißer Krieg in Europa, aber auf vielen Ebenen werden Menschen ausgegliedert. Und das bedrückt mich.Es tobt ein gnadenloser ökonomischer Krieg in Europa ...… der sich ausgeweitet hat, ganze Volkswirtschaften und Millionen Menschen von ihrem bisherigen Produktions- und Lebenszusammenhang abkoppelt. Das ist auch in politischer Hinsicht bedrohlich, denn es bilden sich Konstellationen, die wir nicht wollen. Rechtsradikale Optionen sind keineswegs mehr nur Randphänomene, sie drängen ins gesellschaftliche Zentrum. Holland liegt nicht an der Peripherie Europas, auch Norwegen oder Ungarn nicht.Trotz dieser bedrohlichen Lage werden die eigentlichen Ursachen, die immer vor allem die Arbeitsverhältnisse sind, nicht ernsthaft reflektiert. Und wenn Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds sagt, sie würde es eher berühren, was in einem afrikanischen Land passiert als in Griechenland, so ist das nicht zu Ende gedacht. Denn wie soll die Hilfe für Bedürftige in der südlichen Hemisphäre aussehen, wenn die Not selbst in den entwickelten Ländern der nördlichen Halbkugel groß ist? Das Eine ist nicht vom Anderen zu trennen. In dem Maße, wie wir unsere eigenen Probleme nicht lösen können, werden wir auch die Weltprobleme nicht lösen.Günter Grass hat einen solidarischen Appell für Griechenland verfasst.Ein sehr schönes Gedicht.Es deckt sich mit Ihrer Argumentation, warum Griechenland in seiner Misere nicht im Stich gelassen werden darf.Griechenland ist das Ursprungsland der Demokratie. Wir verdanken den alten Griechen wesentliche Elemente der Aufklärung, unserer Verfassung und unseres Wertesystems. Die öffentliche Rede und der öffentliche Streit, wie sie bei den alten Griechen auf der Agora praktiziert wurde und zu demokratisch gefassten Entscheidungen führte, ist ein in unserer Verfassung garantiertes Grundrecht. Über 40 Volksversammlungen gab es im Athen des Perikles jährlich. Natürlich war die Athener Demokratie begrenzt, Frauen und Sklaven waren ausgeschlossen. Ein Defizit, das in einem gesamteuropäischen Lernprozess im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte behoben wurde. Zudem verdanken wir den alten Griechen große Komödien und Tragödien, und natürlich die Philosophie.Alles Philosophieren hernach war nur noch Fußnote zu Platon, meinte der britische Philosoph Alfred Whitehead. Und doch: Platon und Perikles, Aristophanes und Sophokles lebten vor 2500 Jahren. Das ist arg lange her.Und doch begründeten sie das, was wir heute unter Europa verstehen, was europäische Kultur und europäisches Bewusstsein ausmacht. Diese historische Wahrheit wird nicht durch die Tatsache aufgehoben, dass die Griechen fast 600 Jahre osmanischem Joch unterworfen waren.Europa definiert sich eben nicht nur über Geld und Ökonomie, sondern hat einen kulturellen Sinngehalt, zu dem die alten griechischen und römischen Traditionen gehören. Deshalb finde ich es skandalös, arrogant und unmoralisch, den Griechen die Schuld für ihre gegenwärtige Tragödie zuzuschieben und sie aus dem europäischen Konsens ausgliedern zu wollen. Um noch einmal Frau Lagarde zu zitieren: Wenn sie sagt, die Griechen sollten nun endlich mal Steuern zahlen, so ist das für mich auch eine Entwertung des Menschenbildes. Im Übrigen stimmen mich die Linkswahlen in Griechenland hoffnungsvoll.Sie haben keine Angst vor den »radikalen Linken«, wie Politik und Medien hierzulande?Nein. Im Gegenteil. Viele Leute, die bei den jetzigen Wahlen kandidierten, kamen in vorangegangen nicht zum Zuge, weil es ein skandalöses Wahlgesetz gab, die größten Parteien zusätzliche Mandate in einem Schwung zugerechnet bekamen - noch mehr als bei uns mit den fraglichen Überhangmandaten.Zu Lagarde: Auch der griechische Staat braucht Einnahmen.Zweifellos ist eine rationale Umstrukturierung des Steuer- und Gerichtssystems in Griechenland, der kommunalen Verwaltungen usw. notwendig. Da wäre unsere Hilfe ein sinnvolles Angebot, das die Griechen auch dankbar annehmen würden, wie ich aus etlichen Diskussionen mit griechischen Kollegen, so erst jüngst auf Kreta, weiß. Nicht hilfreich hingegen wäre, Griechenland in eine Abhängigkeit von Krediten zu drängen, denn das würde eine völlige Ruinierung der Wirtschaft bedeuten.Aber sparen müssten auch die Griechen?John Maynard Keynes meinte: In der Krise ist Sparen das Unsinnigste, weil es den gesamten wirtschaftlichen Zusammenhang lähmt.Und Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman fordert in seinem neuen Buch explizit dazu auf, jetzt Geld auszugeben, statt zu sparen.Wir alle können auf Teufel komm raus sparen, es wird uns nichts nützen. Schuld daran ist die neuartige Verdrehung von Macht und Ohnmacht. Wenn beispielsweise dem griechischen Kiosk-Besitzer der gewünschte Kredit vorenthalten wird, nur weil Ratingagenturen seinem Land das Vertrauen abgesprochen haben, ist das für die gesamte Gesellschaft brisant. Eine psychisch-depressive Stimmung in der Bevölkerung koppelt sich mit einer fatalen Verringerung der Wirtschaftstätigkeit.Gehört zu dieser Verdrehung von Macht und Ohnmacht nicht auch, dass Kredite aus dem europäischen Rettungsfonds nicht direkt vergeben werden, sondern über Banken, die hohe Zinsen verlangen? Nationale Steuergelder werden Profitmachern in den Rachen geworfen, die obendrein dreist dem bedürftigen, sprichwörtlich nackten Mann in die Tasche greifen.Das ist ein ernstes Problem: Die Banken haben im Grunde ihr Regelsystem trotz der Krise überhaupt nicht verändert. Hunderte Millionen werden für die Rettung von Banken ausgegeben, die dann wieder Spekulationsgeschäfte betreiben. Man kann das mit einer Sucht vergleichen. Ich warne aber davor, unsere Probleme einzelnen Akteuren, der Geldgier oder Korruptionsbereitschaft zuzuschieben. Es handelt sich um strukturelle Probleme des Kapitalismus.Von »Geld heckendes Geld«, »Kapitalmystifikation in der grellsten Form«, sprach Marx.Und der Austromarxist Alfred Sohn-Rethel hat den Begriff Real-Abstraktion geprägt. Sie hat ihre Grundlage im Fetischcharakter der Ware, der ab einem bestimmten Entwicklungsstand zum Geldfetisch wird. Der ist heute auf die Spitze getrieben. Die gegenwärtige Finanzkrise offenbart eine völlige Abkoppelung der ursprünglich medial begrenzten Welt des Geldes von der gesellschaftlichen Produktion und vom gesellschaftlichen Bedarfszusammenhang.

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