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Der Fall Agnes B.

  • Von Renate Hoffmann
  • Lesedauer: 7 Min.

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Agnes zu Kanzler Preising: Tut mir, was ihr müßt und dürft, ich will's leiden! Bald weiß ich, ob's mit Recht geschah! Friedrich Hebbel: Agnes Bernauer,v5. Akt, 3. Szene

Es gibt viele Bilder von ihr, auf denen die Fantasie den Gestaltern die Hand führte. Es gibt viele Literaten, Komponisten, Theaterleute, die ihr kurzer Lebensweg bis in die Gegenwart hinein anregte, und es gibt viele Ungewissheiten im Fall Agnes Bernauer, die mit vermutlich, wahrscheinlich, offenbar; möglich wäre, könnte sein überbrückt werden müssen. Die nachweislichen Fakten sind spärlich und in Kürze aufgezählt:

Geboren um 1410. Tochter eines Baders oder Badbesitzers oder Barbiers, Chirurgen oder Wundarztes, welche Tätigkeiten im 15. Jahrhundert noch in einer Person vereinigt sein konnten. Aufgewachsen in Augsburg. Im Februar 1428, anlässlich eines Faschingsturniers, begegnet Agnes dem Erbherzog Albrecht III. von Bayern-München. Nachfolgende Aufenthalte der Bernauerin: München, Blutenburg, Vohburg, Straubing. 1432 vermutlich die Heirat Albrecht-Agnes nach der im Mittelalter ebenfalls gültigen Form eines gegenseitigen Eheversprechens ohne Kirche und Zeugen. Aus politischen und erbrechtlichen Gründen wird Agnes zur persona non grata und am 12. Oktober 1435 in der Donau bei Straubing ertränkt.

Östlich stadtauswärts führt die Uferstraße zum historischen Friedhof St. Peter. Ein Ort der Stille und Besinnung, angelegt im Schutz der namensgleichen romanischen Basilika. In ihrer Nähe, unter hohen alten Bäumen, steht die Agnes-Bernauer-Kapelle. Den Eingang versperren Gitter und Tür. Durch die schmalen eisernen Stäbe gezwängt, erreicht meine Hand die Klinke. Die Tür lässt sich einen Spalt öffnen. Der Blick fällt in einen lichten Raum mit Epitaphien an den Wänden. Agnes' Grabmal ist das schönste unter ihnen. Ein roter Marmorstein, auf dem eine fast lebensgroße Frauengestalt ruht.

Hier nun beginnen die Vermutungen. Ist sie es wirklich - die, den leicht geneigten Kopf auf ein Kissen gebettet, in wallendes Gewand gehüllt, die Augen geschlossen, wie in erlösendem Schlaf liegt? Es soll ein getreues Abbild ihrer selbst sein. Die natürlichen, entspannten Züge umfängt ein lose fallendes Tuch. Die Hände sind übereinander gelegt und tragen an der rechten zwei Ringe. Symbole für Verlobung und Hochzeit? Eine Umschrift des Epitaphs sagt aus: »Im Jahre des Herrn 1436 (falsche Jahreszahl d.A.) am 12. Tag des Oktober starb Agnes Bernauerin. Sie ruhe in Frieden.«

Gegenüber an der Kapellenwand hängt das Porträt einer jungen anmutigen Frau in fürstlicher Robe. Ihr liegt ein hermelinbesetzter, königsblauer Mantel um die Schultern. - Auch sie soll es sein.

Und diese ebenso: »Agnes Bernauerin Ducissa«. Gemalt im 18. Jahrhundert, nach einer Vorlage aus dem 16. Jahrhundert. »Ducissa« - die Herzogin. War sie es? Oder hielt sie sich nur dafür? Ihre Züge sind ebenmäßig. Die wohlgeformte Nase führt hinauf zu den großen Augen. Nicht kleinmütig oder gar unterwürfig - sie blicken wach, aufmerksam, abwägend und kritisch. Eine kostbare Haube bändigt ihr langes blondes Haar, von dessen Auffälligkeit in den Annalen die Rede ist.

»Das Meer ihrer Goldlocken (schimmerte) wie das Gefunke ... eines ungeheuren Straußes orangefarbener Brillanten im sanftwogenden Lichte des Vollmondes.« Das dürfte allerdings etwas zu viel gewogt sein. Agnes' Schönheit bleibt jedoch unbestritten. Der Chronist Veit Arnpeck berichtet (1493): »Man sagt, das sy so hubsch gewesen sey, wann sy roten wein getrunken hett, so hett man ir den wein in der kel hinab sechen gen.«

Diese Achtzehnjährige sah Herzog Albrecht (1401-1460), Erbe der Wittelsbacher Linie Bayern-München, während seiner Teilnahme am Augsburger Turnier. Von Albrecht heißt es, er sei ein »gar frölicher herr« gewesen, von »weichem Gemüt, den zarten Frawen« geneigt, der Musik und Literatur zugetan

Die Liaison trug den Keim des tragischen Ausgangs bereits in sich. Wahrscheinlich noch im Frühjahr 1428 nahm Albrecht die Bernauerin an den Münchner Hof. Ein folgenschwerer Konflikt bahnte sich an. Vor dem Hintergrund politischer Auseinandersetzungen zwischen drei Herzogtümern des Hauses Wittelsbach und ihren streitsüchtigen Regierenden, beobachtete man misstrauisch Albrechts neues Verhältnis. Es hatte wohl den Anschein, dass diese »zarte frawe« nicht so zart war, wie diejenigen vorangegangener Liebeleien. Verbürgt ist ein »zorniger« Auftritt der Schwester Albrechts im August 1432 - »der hochmütigen und eingebildeten Bernauerin« wegen. Möglicherweise wusste Beatrix um eine, wenn auch durch kein Dokument belegbare Eheverbindung ihres Bruders, die, im gegenseitigen Einvernehmen geschlossen, juristische Gültigkeit besaß. Ein »Ungleiches Paar«, das zudem die gottgewollte Ordnung störte.

Als einen Beweis dafür nimmt man das Vorkommnis auf dem Regensburger Turnier (1434). Dort wurde Herzog Albrecht der Zutritt verwehrt, »wegen seiner Freundin und Geliebten Agnes Bernauerin, ... weil er in seinem Liebeswahn für eine standesgemäße Ehe ... zu wenig Interesse zeigte« (Mitteilung aus dem Jahr 1569). Versuche, die Herzog Ernst I. unternahm, um seinen Erben aus dem Verhältnis zu lösen, misslangen. Sie führten letztlich zu einer Konfrontation zwischen Vater und Sohn.

Albrecht verwaltete, in Vertretung des Münchner Herrschaftsbereiches, das Straubinger Land und richtete im Stadtschloss den Regierungssitz ein. Mit seiner Politik betrieb er die Erweiterung eigener Machtbefugnisse. Man vermutet, dass Agnes ihn darin unterstützte. Sollte es der Festigung ihrer Stellung dienen?

Ricarda Huch (1864-1947) urteilt: »Manches deutet darauf hin, dass ihr Charakter stärker als der seinige war«. Mag es so gewesen sein. Noch fühlte sich die Bernauerin stark genug, um in Straubing - eingedenk ihrer möglichen Rechte - als »Duchessa« zu leben. Dem Karmelitenkloster stiftete sie einen Altar; und im Kreuzgang der Klosterkirche ließ sie für sich eine Begräbnisstätte einrichten.

In München sah Herzog Ernst I. die Erbfolge des Hauses gefährdet und das politische Vorgehen Albrechts nicht in seinem Sinne. In beiden Fällen wies er der »Pernawerin« Schuld zu. Es galt ihm, in Eile zu handeln.

6. Oktober 1435. Mit diesem Briefdatum erhielt Herzog Albrecht, der sich wahrscheinlich in Vohburg aufhielt, die Einladung zur Jagd in Landshut. Er sicherte sein Kommen für den 13. Oktober zu. Ernst reiste nach Straubing. Agnes befand sich im Schloss. Intrige? Zufall?

Aus einer Darstellung des 16. Jahrhunderts: »Das Weyb wardt so in Poshayt verhartet, daz sy den Herzog Ernst nit als iren Richter ... halten wollt, da sy selbst Herzogin zu seyn angab; undt daz erposte Herzog Ernsten wider sy, daz er das Weyb nemmen last, undt ersauffen.«

Da hätte sie also noch einmal Stärke gezeigt, wenn denn ein Prozess geführt worden wäre. Darüber gibt es aber keinerlei Unterlagen. Wäre dem so gewesen, dann stand das Urteil bereits vorher fest, und man hat mit der Delinquentin den sogenannten »kurzen Prozess« gemacht.

Schilderungen vom Tod der Agnes Bernauer finden sich zur Genüge. Man habe sie von der (äußeren) Donaubrücke ins Wasser gestürzt. Sie sei, da ein Fuß ungefesselt blieb, in die Nähe des Ufers geschwommen und habe um Hilfe gerufen. Ein Folterknecht wäre mit einer Stange herbeigeeilt, hätte diese um ihr Haar gewickelt und sie unter Wasser gedrückt, aus Angst vor Herzog Ernsts Zorn. - Die Bernauer-Kapelle auf dem Friedhof St. Peter stiftete eben dieser Potentat. Eingeständnis der Schuld?

Als die Grabplatte aus rotem Marmor später gehoben wurde, fand man das Grab leer. Die Vermutung liegt nahe, dass die Überreste der Toten in das Karmelitenkloster überführt wurden, wo sie ruhen wollte.

Der mächtige spätgotische Sakralbau in der Straubinger Albrechtsgasse trägt im Inneren die Züge barocker Umgestaltung. Prachtvoll, prunkvoll, wie es der einstmaligen Grablege der Wittelsbacher gebührt. Ich gehe bewundernd durch den weiten Raum mit seinen Altären und Bildnissen. Bedenke ich es recht, so wäre die Bernauerin hier, im Familienkreise, am rechten Platze.

Man versuchte mehrfach, ihre Ruhestatt aufzufinden. Allein vergebens. Irgendwo im Kreuzgang, so einigte man sich derzeit, wird Agnes' Grab wohl zu suchen sein. Doch was auch immer zukünftige Erkenntnisse ans Licht bringen mögen - sie ruhe in Frieden.

Renate Hoffmann, gebürtig in Thüringen, studierte Veterinärmedizin in Leipzig und promovierte. In Berlin absolvierte sie eine Schauspielausbildung. Als Tierärztin war sie in Jena, Dresden und Berlin tätig, als Schauspielerin trat sie im Zimmertheater Berlin auf. Renate Hoffmann ist Autorin von Reiseberichten, Porträts, Rezensionen und Glossen für die »Weltbühne« und andere Zeitschriften und Zeitungen. Sie verfasste Szenarien für das Fernsehen und Theaterprogramme. Zu ihren zahlreichen Buchveröffent-lichungen zählen »Gärten, Parks und Grüngelüste« (2001), »Karussell. Feuilletons und Reime« (2007), die Biografie »Luise, Königin der Preußen« (2009) und »Kleine Welt große Welt. Gereimtes und Ungereimtes« (2011).



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