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Von der Buchstabenweisheit zur Gestaltungsfreiheit

Matthias Gubig zum 70. Geburtstag

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 3 Min.

Wenn es eines Beweises bedürfte, dass der Buchstabe nicht tötet, sondern höchst belebend wirkt, dann liegt er im Schaffen dieses mit den beweglichen Lettern auf Duzfuß stehenden Menschen namens Matthias Gubig, der am Freitag 70 wurde. Nur eines trübt die Freude über seine Lebens- und Schaffensjahre: Er ist zu wenigen Leuten überhaupt ein Begriff. Man sollte ihn schon als Solitär unter den bedeutenderen Typographen bemerken. Der Beruf ist traditionell von sachdienlicher Originaltreue geprägt. Nur wenige Vertreter des Fachs expandieren in die freie Kunst. Gubig tut es, und setzt noch einen drauf. Geistvolle Texte durchdringt er poetisch, und überhöht sie obendrein satirisch.

Allerdings hat sich die eigene grafische Sprache dafür erst in einem gewissen Alter ergeben. Der lange Weg durch die Instanzen des Brauchbarwerdens von Schrift fürs Büchermachen und andere praktische Zwecke hat ihn nicht ermüdet. Der geschundenen DDR-Polygrafie rang er öfter »Schönste Bücher« ab. Layout, Einband, Umschlag, Reihenentwurf - also grundsolide Buchgestaltung - war sein Metier. Gelegentlich (und nicht zufällig zu politischen Anlässen) expandierte er in Richtung Plakat.

Früh fand der in Berlin und Leipzig Studierte und Diplomierte zum Lehrberuf. Ach, diese vielen Talente! Wie er sie als Fachlehrer handwerklich unterwiesen und überzeugt sowie künstlerisch angeregt und aufgebaut hat! Haben sie ihn verschlissen? Nein. 1992 bis 2007 durfte er als neuberufener Professor im Fachgebiet »Visuelle Kommunikation« höchste Feinheiten typographischer Gestaltung weiter vermitteln. Das war an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Wie praktisch - das Grafikerehepaar Matthias und Marlies Gubig wohnte da fast vor der Haustür!

Vom Professorendasein in Ehren verabschiedet, hat er nun seine Werkstatt zum Setzen und Drucken, Schneiden und Stechen an den Stadtrand nach Blankenfelde verlegt. Da trotzt der beharrlich Werkende Fluglärm und anderen Unbilden. Er ist trainiert. Mitten im Krieg in Dresden geboren, dort von Bomben fast ausgelöscht, Vater gefallen, wuchs der Junge in der Lausitzer Provinz auf, wurde Lehrling im grafischen Gewerbe. Da erwarb man zugleich literarische und künstlerische Bildung. All das prägte den politischen Menschen Matthias Gubig. Schon 1995 schrieb er mit dem Büchlein »Stehsatz - was ich noch nicht ablegen will« sein exzellent gestaltetes Bekenntnis zum Bewahren des Bewährten nieder.

Seit 2003 setzt er es in »Spätdruck« genannte handgefertigte Grafikeditionen um. 25 bis 45 Exemplare jeweils, nicht mehr. Er beginnt mit dem Griechenalphabet zu Theophrasts »Charakteren«. Bereits 2004 seziert er mit »Bestdeutsch - Wörter und Unwörter« ironisch die Wortwahl der Politik. Den Holzschnitt löst der feinere Acrylglasstich ab, wenn er Machiavelli und Günderrode, Giordano Bruno und Plinius d.J., Lichtenberg und Volker Braun in Schrift- und Menschentypen umsetzt. Eingefärbte Schattenrisse vital verdrehter Körper schwingen sich steilhoch querblatt über die Papierfläche. Gratwanderung oder Höhenflug? Nein, der Künstler bleibt auf dem Boden des real existierenden Kapitalismus. 2008 zeichnet, reimt, sticht und druckt er ein »Alphabet« mit aktuellen Anspielungen. 2012 gibt er mit einem neuen »Ständebuch« seinem Affen Zucker. Seiner Zeit und keinesfalls ihrem Zeitgeist zu dienen, scheint seine Devise zu sein. Wir können ihn gut verstehen.


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