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Nonna Adua freut sich auf Napoleon

Elba feiert in zwei Jahren seinen berühmtesten Bewohner, auch wenn der nur wenige Monate da war

Sonnenuntergang in Sant Andrea
Sonnenuntergang in Sant Andrea

»Es ist strengstens verboten, Steine vom Strand mitzunehmen« - die Worte prangen in großen Lettern am schönsten Teil des Strandes von Marciana Marina auf Elba. Nicht etwa in englisch, französisch, russisch oder japanisch - nein, nur in deutsch und italienisch. Doch Verbotsschilder haben so etwas Verlockendes ... Ich packe ein schönes Exemplar ein, Jenny greift gleich mehrere. Was soll's. Die Insel ist steinreich. Von den rund 300 weltweit am häufigsten vorkommenden Mineralienarten ist auf dem drittgrößten italienischen Eiland immerhin die Hälfte zu finden.

Am Strand von Sant Andrea
Am Strand von Sant Andrea

Die steinerne Vielfalt war es sicher nicht, die den prominentesten Bewohner, den Elba jemals hatte, einst auf die Insel zog. Der kam eher unfreiwillig, blieb nur kurz und widerwillig, hinterließ aber bleibende Spuren.

Die geschäftstüchtige Großmutter Adua
Die geschäftstüchtige Großmutter Adua

Großmutter Adua zum Beispiel profitiert von dem nach Elba verbannten französischen Exkaiser Napoleon Bonaparte bis heute. Auf dem Weg zur Sommerresidenz Napoleons, der Villa San Martino, etwa fünf Kilometer entfernt von der Inselhauptstadt Portoferraio, sitzt sie jeden Tag von morgens an vor einer Bretterbude. Nonna Adua lauscht, welcher Sprache die heranströmenden Touristen mächtig sind und macht lautstark Werbung für ihr Buch. »Rezepte von Großmutter Adua, in deutsch, nur zehn Euro.« Es ist schwer, sich dem einnehmenden Wesen der Nonna zu entziehen, deren Leibesfülle davon zeugt, dass sie ihre Rezepte auch reichlich selbst ausprobiert. Zumal die Plauderei mit ihr recht angenehm ist. Auch Mick Jagger und Naomi Campbell hätten bei ihr schon gekauft, behauptet sie. Da oben in der Villa, die Napoleon einen Sommer lang bewohnte, sei sie nur einmal gewesen. Hat ihr nicht sonderlich gefallen. »Da waren ja nur kleine Zimmer, und die Möbel, die Badewanne, alles so klein. Naja, er war ja auch nicht groß.«

Die clevere Großmutter Adua Marinari freut sich auf die Touristenströme, die Elba im Napoleonjahr 2014 erwartet. Da man sich ohnehin ihrem Werben um den Kauf der zwischen Buchdeckel gepressten Rezepte der elbanischen Küche kaum entziehen kann, wird dann der Rubel richtig rollen.

Das Tourismusbüro der Insel - die zum Nationalpark Toskanisches Archipel gehört - ist seit einigen Jahren geschlossen, warum, weiß eigentlich niemand. Doch Maurizio Testa ließ das keine Ruhe. Der umtriebige Hotelier fungiert sozusagen als »heimlicher Touristenchef«. Er ist hier geboren und aufgewachsen, kennt jeden Stein und jeden Strand. Und vermutlich auch (fast) jeden der etwa 32 000 Einwohner der 224 Quadratkilometer großen Insel. Maurizio lebt in Sant'Andrea im nordwestlichen Teil der Insel. Der Ort schmiegt sich an die Felsen, das Meer und die Berge verschmelzen fast mit einander. Hier, so scheint es, ist das Wasser grüner als anderswo, türkisgrün und so klar, dass sich der Meeresgrund auftut. Sant'Andrea ist nicht nur steinreich, auch baumreich - ein Paradies für Wanderer.

Zuweilen etwas zu gesprächig ist Maurizio, wenn man einfach nur mal den Sonnenuntergang genießen oder den Vögeln lauschen möchte, doch Maurizio, tatkräftig unterstützt durch seine Frau Barbara, wird nicht müde, für seine Heimat zu werben.

Wenn er von Zeit zu Zeit seine Akkus aufladen will, steigt er einige Kilometer hinauf zur Wallfahrtskirche Madonna del Monte. Doch auch hier schweigt er wohl nur, wenn er allein ist. ... Hier oben traf sich Napoleon heimlich mit seiner Geliebten, der polnischen Gräfin Maria Walewska. Bis Napoleons Ehefrau ihr Kommen ankündigte und das Idyll zerstörte. Die Frau allerdings beließ es bei der Ankündigung ...

Napoleon kam am 3. Mai 1814 unfreiwillig nach Elba und verließ die Insel in einer Nacht- und Nebelaktion am 26. Februar 1815. Doch er hinterließ bleibende Spuren. Der Straßenbau wird vorangetrieben, Sümpfe werden trockengelegt, was zur Entwicklung einer ertragreichen Landwirtschaft führte. Der Ertrag der Weinberge reicht allerdings fast nur für den Inselverbrauch. Aus Kräutern der Insel wird Parfüm hergestellt. In Marciana Marina kann man dabei in der kleinen Manufaktur zuschauen und natürlich auch kaufen.

Mit etwa tausend treuen Soldaten flüchtete also Napoleon von Elba, um es noch einmal mit den Mächtigen Europas aufzunehmen. Doch sein Aufbäumen währte nur kurz: In Waterloo wird am 18. Juni 1815 seine verheerende Niederlage besiegelt. Der Rest ist bekannt: Wieder ging Napoleons unfreiwillige Reise auf eine Insel, diesmal ohne Wiederkehr: Im Atlantik auf St. Helena starb er am 5. Mai 1821.

Die Abfahrt naht. Der Stein vom Strand in Marciana Marina bleibt natürlich auf Elba. Was braucht es Steine als Erinnerung? Es gibt lebendige wie Maurizio, Barbara, die überaus herzliche Kellnerin Francesca, den Taxifahrer Angelo oder den jungen Winzer Renato, der für uns den sensationell guten Dessertwein seines Onkels »stibitzte« - und Großmutter Adua. Ihr Kochbuch reist allerdings mit nach Hause.

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