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Marginalien zur Fußball-EM

Heute: ANDREAS GLÄSER

Heute Abend, EM-Halbfinale, Deutschland gegen Italien. Öffentlich gucken, auf der Fan-Meile, ja! Aber was soll ich anziehen? Normalerweise besuche ich ein Stadion weitestgehend in Zivil, nur mit einem Wimpel am Knopfloch. Aber auf der Straße des 17. Juni, da herrscht unausgesprochen ein modisches Dogma. Soll ich das Nicki raussuchen, das ich erst ein Mal getragen habe? Ich besitze es leider nur in Größe K – K wie Knut. Hauteng sieht anders aus. Da steht auch nichts Aktuelles drauf: »Deutschland – Türkei, 8. Oktober 2010, Olympiastadion Berlin«. EM-Qualifikation, lange her, das verstehen auf der Fan-Meile nicht alle Leute. Damals bekamen Tausende Stadionbesucher so ein Nicki geschenkt.

Ich borge mir wohl lieber ein klassisches DFB-Trikot von meinem Zehneinhalbjährigen. Aber nicht das rote, das er vor drei, vier Jahren von mir bekam, das passt ihm noch. Das schwarze, das ihm Oma und Opa zum letzten Weihnachtsfest besorgten, könnte mir genügen. Beim Wäsche in die Schränke Sortieren verwechseln wir oft einiges, meine Strümpfe und Schlüpfer landen bei ihm, oder umgekehrt. Darüber hat sich in der Öffentlichkeit nie jemand beschwert.

2006 waren wir das letzte Mal auf der Fan-Meile, nur mal gucken, an einem Sommermärchennachmittag, mitten in einer Vorrundenwoche. Einige Tausend Besucher aus aller Welt schlenderten umher und entspannten beim 6:0 von Argentinien über Serbien. An dem Tag staubten wir auch das Deutschland-Fähnchen und den schwarz-rot-goldenen Hula-Hula-Kranz ab. Prima, als Dekoration im Badezimmer. Heute Abend tragen wir diese Utensilien außer Haus spazieren, zusammen mit der Mai-Nelke, der PDS-Windmühle und den Luftballons vom Bundestag. Passt doch.

Normalerweise gucke ich die EM-Spiele zu Hause, das ist billiger, ich sehe besser und es fällt nicht auf, wenn ich wegnicke. Zugegeben, zwei Mal zog es mich in den letzten Tagen stadtauswärts, ins Plattenbauparadies, in eine irre Kneipe. Das Essen dort schaffte ich nur, weil ich den ganzen Tag Sport getrieben und kein Mittag gegessen hatte, und kaum dass ich meinen Biereimer halbwegs ausgetrunken hatte, stand schon der nächste vor mir, den es zu bewältigen galt, bevor das Gebräu darin schal würde. Leer war mein Eimer nur, als nach einem Tor für Deutschland vor Freude der Tisch umgestoßen wurde. Für den Wirt kein Problem, nur ein Strich auf dem Zettel.

Heute werde ich wahrscheinlich nur anstehen, um ein Getränk zu holen oder wegzubringen. Mein Sohn und ich dürften unter Hunderttausenden Event-Hoppern zu den wenigen Leuten gehören, die sagen können, welche Spielklassen es zwischen der 1. Bundesliga und der Berlin-Liga gibt; in genauer Reihenfolge, ohne Verlegenheitsgekicher. Wir werden den DFB-Männern auf der Leinwand zujubeln, obwohl sie uns nicht hören, und mindestens einer von ihnen wird uns grüßen, obwohl er uns nicht sieht, so wie er auch die Bundeskanzlerin grüßt.

Ach, vielleicht bleiben wir lieber zu Hause, hängen die Berlin-Fahne raus und essen während des 2:0-Sieges ganz viel Stracciatella-Eis.

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