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Denken, rücksichtslos offen

Ivan Nagel: Essays

Zeitenthobenheit kann der Halt sein, den ein Buch bietet. Ivan Nagel aber, der Theaterdenker, der in diesem Jahr starb, stürzt sich in die Zeit. Zürnend, widerständig, mit der Schärfe des Analytikers, der politische, ästhetische Befunde an Schmerzgrade seiner Erfahrungen bindet. Erfahrungen eines Minderheitsgepeinigten: Jude, schwul, feingeistig.

»Schriften zur Politik« sind nach Schriften zum Drama, zum Theater, zur Kunst die Komplettierung einer Werkausgabe. Der Band enthält Briefe, Reden, Nachrufe, Essays, kulturpolitische Erklärungen sowie die Texte des »Falschwörterbuches«, in dem Nagel seine ganze Empörung über Bushs Irak-Abenteuer in brillant enthüllende Publizistik gießt. Die auch jene Sinnwidrigkeit einer politischen und medialen Sprache nachweist, die hierzulande sozial ausbeuterische Verhältnisse vertuscht.

Mit kompromissloser Redlichkeit schreibt Nagel auch gegen jene Autoren vom »feineren Feuilleton« der Bundesrepublik, die mit der Literatur der DDR als einer »Gesinnungsästhetik« ebenso abrechnen wie mit jenen, die auch im deutschen Westen »Utopieschwärmer« waren. Wo immer er eine Gelegenheit findet, streitet er (besonders nach der Wiedervereinigung) für Kultur, geißelt Kahlschläger, klagt eine Demokratieverrottung zugunsten der Marktbereiniger an.

Von der Notiz über Erfahrungen beim Ungarn-Aufstand über eine Rede bei den Salzburger Festspielen bis zum Vorschlag zur Errichtung eines Europäischen Kulturfonds - Nagel besticht durch eine Gewissensforschung, die so konkret überzeugend wie geistig ausgreifend Jahrhundertgeschichte aufruft. In seiner Rede zur Ausstellung »Vernichtungskrieg: Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944«, gesprochen 1999 in Hamburg, verbindet er auf faszinierende Weise dreißig Takte der Matthäus-Passion von Bach mit Fragen von Schuld und Vergessen, von Unschuld und Erinnern. Ein atemlos machender Beleg, was Essayistik ist: rücksichtslos offenes Denken auf Probleme zu. Deren Erörterung den (Mit-)Denkenden von nichts entlastet, aber doch befreit - für weiteres Denken in nur einer einzigen Fessel: der Ergebenheit ins unabweislich Humane. Ein starkes Buch.

Ivan Nagel: Schriften zur Politik. Suhrkamp Verlag Berlin. 295 S., geb., 26,95 Euro.

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