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Zornig und zart

Nach mörderischem »Cirque du Slay« folgt in der Schaubude Kindersommerprogramm

Was war denn das für ein eigentümlich schiefes Lächeln? Da erzähl' mir einer etwas über erwachsene Puppentheaterbesucher. Friedliebende Menschen mit Kultur. Nach Ende der Diplominszenierung zu den Tagen der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch«, Abteilung Puppenspielkunst in der Schaubude hatten, sie dieses Lächeln beim Hinausgehen im Gesicht. Und das bei dem Ende des Stücks. Das soll hier natürlich im Dunkel bleiben. Überraschend und kompromisslos ist es in »Cirque du Slay - Die Frau im Wolfsmagen« auf jeden Fall.

Das Grimmsche Märchen Rotkäppchen ist für Erwachsene bereits gern und oft adaptiert worden. Es ist eben viel möglich, wenn ein Mädchen vom Wege abkommt. Emilie Jedwab-Wroclawski positioniert die Geschichte in ihrem Stück für Erwachsene und Jugendliche mit drei Puppenspielerinnen, Puppen und Objekten in einem kleinen Zirkus. Als Show mit tanzenden Girls beginnt das Programm an diesem mörderischen Ort. Da tanzt sie zusammen mit Anna Menzel und Annemie Twardawa mit Perücken ausstaffiert. Professionell lächelnd wird Bein gezeigt. Hoppla!

Dann kommt sie auch schon, die Attraktion. Widerwillig lässt sich die einer Barbie-Puppe gleichende kleine Mädchenfigur das rote Kopftuch überstülpen. Dann bekommt sie ihren legendären Korb hingeknallt. Viel zu groß für sie. Das Unternehmen hat sich keine Mühe gemacht. Auch der Wolf - bis auf die Zirkusvorstellungen zornig knurrend in einem Käfig hinter Schloss und Riegel - zeigt wenig Enthusiasmus, sich schon wieder vorführen zu lassen. Also gibt's was mit der Peitsche.

Riesig ist der zeitweise von allen drei Puppenspielerinnen geführte, gefährlich wirkende Wolf im Vergleich zur zerbrechlich zart erscheinenden Rotkäppchen-Puppe. Doch auf eine besondere Art verbindet sie das gemeinsame Schicksal, zeigt Jedwab-Wroclawski in ihrem Stück. Sie kommunizieren miteinander über Blicke. Sie helfen sich auch gegenseitig, denn von den Zirkusleuten ist nichts Gutes zu erwarten.

Im Laufe der 50-minütigen Inszenierung wird Emilie Jedwab-Wroclawski dann selbst zu Rotkäppchen, bewegt sich, wie sie die Puppe zuvor führte. Die Rotkäppchen-Wolf-Koalition macht ohne Pardon deutlich, wie nah und wie einig sich die beiden sind. Aufs Wesentliche gebracht, konsequent inszeniert ist das bis zum bitteren Ende. Dann stellt sich heraus, wer in der Geschichte tatsächlich das Sagen hat.

Nichts zieht sich hier in die Breite. Auch zahlt sich aus, dass die Puppenspielkünstlerin in der Vorbereitung die Körpersprache eines Wolfstiers für ihren »Cirque du Slay« gut beobachtete. Mit dieser Arbeit kann sie sich gut gewappnet als diplomierte Puppenspielkünstlerin auf den Berufsweg begeben. In der Schaubude kann man das Stück im November wieder sehen.

Bei den Tagen der Hochschule war Gelegenheit, Studierende verschiedener Jahrgänge zu sehen. In unterschiedlichsten Aufführungen gaben sie Proben ihrer Arbeit, die zeigten, wie umfangreich die Ausbildung in diesem Studienfach, das auch die Befähigung als Darsteller einschließt, inzwischen wurde.

Als künstlerische Vorspeise vor dem »Wolfsmagen« gab es ein Gesangsprogramm von Studenten. An der Auswahl und Darstellung der Songs konnte man erahnen, in welche inhaltliche Richtung die künftigen Puppenspieler sich wenden könnten. Neigungen für Freches, Fröhliches, Ernstes, Trauriges und Subtiles waren erkennbar.

Das Ferienprogramm für die jungen Zuschauer in der Schaubude bietet nun zwei Stücke ab vier bis elf Jahren. Mit der Inszenierung von Theatergeist »Kleiner Piet, was nun?« reisen die Kinder an die See zu einem Mädchen im Leuchtturm. Drei Puppen und fünf Flaschen spielen indes bei »Hänschen Klein« vom Theater o.N. mit.

3.-5., 10. u. 11.7.: »Kleiner Piet...«; 12. u. 17.-19.7., immer 10 Uhr, Schaubude, Greifswalder Str. 81, Prenzlauer Berg, Tel.: 423 43 14, www.schaubude-berlin.de

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