Zeitzeugen

Leseprobe

  • Lesedauer: 2 Min.

Der Titel dieses Bandes formuliert eine Übertreibung, die aber längst eine historische Parallele gefunden hat: So wenig wie der Zeitzeuge als geschichtsmächtige Figur im eigentlichen Sinne erst nach 1945 »geboren« wurde, so wenig wurde die Zeitgeschichte als wissenschaftliche Disziplin damals erst »erfunden«. Und doch steckt in beiden Behauptungen mehr als nur ein Körnchen Salz. Denn die Schrecken des Zweiten Weltkriegs bilden die entscheidende Zäsur, die - zumal in Deutschland - zur Entwicklung einer selbstkritischen Zeitgeschichtsschreibung führte und in deren Kontext auch der Zeitzeuge und das Prinzip der Zeugenschaft gleichsam neu begründet wurde.

Inzwischen scheint der Zeitzeuge dem Historiker in der öffentlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sogar den Rang abgelaufen zu haben, und die Zukunft einer Zeitgeschichtsschreibung nach dem Ende der Zeitzeugenschaft stellt sich manchen Beobachtern als Krise der Geschichtsschreibung dar. Wie es aber zu dieser erstaunlichen Karriere des Zeitzeugen kam, mit welchen Zuschreibungen er auf diesem Weg ausgestattet und welchen Zumutungen er ausgesetzt wurde, diskutieren die in diesem Band versammelten Beiträge ...

Mit Blick auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts gehen sie den Formen der historischen Zeugenschaft in einzelnen Nationalkulturen nach, und sie untersuchen die sich verändernde Selbstwahrnehmung von Opfern, die sich als Zeitzeugen begreifen. Sie thematisieren den Zeitzeugen als Medienfigur und verfolgen seinen Aufstieg zu einem machvollen Erinnerungsakteur. Sie diskutieren schließlich das Verhältnis von Zeitgeschichte und Zeitzeugenschaft und fragen danach, ob dem vielschichtigen Phänomen der Zeitzeugenschaft im »Zeitalter der Extreme« ein von der Geschichtsschreibung nicht einholbarer Überschuss an Bedeutung innewohnt.

Aus dem Vorwort des von Martin Sabrow und Norbert Frei herausgegebenen Bandes »Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945« (Wallstein, 376 S., geb., 34,90 €).

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