Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

18 Stunden Ausnahmezustand

»Bild« zensiert sich selbst und löscht Dehm

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 2 Min.

Was hat die »Bild«-Zeitung für ein Theater aufgeführt, als seinerzeit Bundespräsident Christian Wulff den Versuch einer kleinen Nötigung auf der Mailbox des Chefredakteurs hinterließ. Ein gefundenes Fressen für das Boulevardblatt - und auch noch eine ziemlich einmalige Gelegenheit, sich als Vorkämpfer der Pressefreiheit aufzuspielen.

Die Inszenierung war damals schon schmierig, und »Bild« hat durch sein Tagesgeschäft seither keinen Zweifel daran gelassen, was die Wulff-Nummer tatsächlich war: nicht mehr als eine prächtige PR-Kampagne. Bei anderer Gelegenheit nämlich lässt man sich im Springer-Hochhaus offenbar durchaus Wünsche einflüstern.

Dieser Tage war auf der Internetplattform von »Bild« ein längeres Porträt über den LINKE-Abgeordneten, Kulturmanager und Künstler Diether Dehm zu lesen. Ein für »Bild«-Verhältnisse bemerkenswert ungehässiger Text unter der Überschrift »Dieser Linke ist der 1. Popstar im Bundestag«, der den Erfolg von Dehms CD »Große Liebe. Reloaded« zum Anlass nahm, den streitbaren und umstrittenen, viel beschäftigten und umtriebigen Politiker vorzustellen - ohne die üblichen Beißreflexe. Dazu gab es noch eine Leserumfrage: »Diether Dehm als Linken-Politiker. Was sagen Sie zum neuen Popstar im Bundestag?«

Der Ausnahmezustand währte allerdings nur 18 Stunden, dann war das Dehm-Porträt spurlos von der »Bild«-Website verschwunden, ohne Begründung und inklusive der Onlinekommentare von Lesern. Dem Vernehmen nach eine Selbstzensur des Blattes auf Verlangen »aus höchsten Kreisen von CDU, SPD und FDP«. Das jedenfalls schreibt Sänger Konstantin Wecker über den Vorgang, der Liedermacher, Freund und Vertraute Dehms. »Die Bildspitze wurde zur Ordnung gerufen. Zur Herrschenden Ordnung«, wird in Weckers Blog hinter-den-schlagzeilen.de kommentiert. Und: »Berlusconi lässt grüßen.«

Deutlicher kann oder will Wecker offensichtlich aus Gründen des Quellenschutzes nicht diejenigen benennen, die sich da massiv bei »Bild« beschwerten. Allerdings gibt es einen im Internet dokumentierte Twitter-Tweet von CDU-Rechtsaußen Erika Steinbach, die unter Anspielung auf die IM-Vorwürfe gegen Dehm an die »Bild«-Zeitung schreibt: »ich glaub es nicht. So ein Auftritt für einen StasiSpitzel, wie Wolf Biermann für meinen Prozess eidesstattlich versichert hat.« In einem anderen Tweet beklagt sie sich über die Nachsichtigkeit gegenüber Dehm.

Steinbachs verärgerte Wortmeldung atmet - wie vermutlich auch die von Konstantin Wecker angedeuteten - genau den Geist, den Albrecht Müller auf seiner Website nachdenkseiten.de so beschreibt: »Es darf nichts Populäres über einen Linken erscheinen. Und die Methoden werden konsequent angewandt. Man kümmert sich im Interesse der genehmen Meinungsmache um die kleinsten Vorgänge.«

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln