Von Bernd Kammer

Sackgasse nach oben

Zum Jahrestag des Bürgerentscheids gegen Hochhauspläne am Spreeufer wird gegen Verdrängung demonstriert

Zehn Hochhäuser sollen entlang des Spreeufers zwischen Michael- und Elsenbrücke entstehen, haben die Aktivisten von »Mediaspree versenken« gezählt. »Ein Skandal, und das vier Jahre nach dem erfolgreichen Bürgerentscheid gegen die Mediaspree-Baupläne«, empört sich Robert Muschinski, einer ihrer Sprecher. Zum kleinen Jubiläum des Votums rufen sie deshalb an diesem Sonnabend - wie jedes Jahr - zu Aktionstag und Demo. Motto: »Gegen Ausverkauf und Verdrängung!«

Denn nicht einfach gegen den Bau von Bürokomplexen, Luxuswohnungen und Shoppingmalls entlang des Spreeufers richtet sich der Protest. Es geht um mehr: Gegen die Gentrifizierung der Stadt. »Berlin wird ausverkauft, an Reiche«, sagte Muschinski. Wer sich die steigenden Mieten nicht leisten könne, werde verdrängt.

Deshalb führt der Demonstrationszug, dem sich auch viele Mieterinitiativen anschließen wollen, an dafür symbolträchtigen Orten vorbei. Start ist um 14 Uhr am Sitz des Berliner Liegenschaftsfonds (»die Firma, die die Berliner Grundstücke verscheuert«), dann geht es durch Revaler Straße und Rudolf Kiez (»die Verdrängungsprozesse dort werden noch wenig beachtet«) zum Osthafen-Gelände (»wo Coca Cola ein Hochhaus mit sieben Geschossen baut«) und weiter über die Elsenbrücke in die Zobelstraße am Treptower Spreeufer. Für das Areal ist gerade ein Architekturwettbewerb entschieden worden, »unter Ausschluss der Öffentlichkeit«, so Muschinski. Schlimmstenfalls könnten hier drei bis zu 19 Stockwerke hohe Gebäude entstehen mit Luxuswohnungen und einem Hotel. Dagegen wollen am Sonnabend auch Anwohner protestieren. Zur Abschlusskundgebung am Schlesischen Tor werden auch die Mieter vom Kottbusser Tor erwartet, die seit Wochen gegen steigende Sozialmieten demonstrieren.

Die Bilanz vier Jahre nach dem Bürgerentscheid, als knapp 90 Prozent der Teilnehmer in Friedrichshain-Kreuzberg gegen die Hochhauspläne und für die Freihaltung eines 50 Meter breiten Uferstreifens gestimmt hatten, falle »eher dürftig« aus, konstatierte Muschinski. Aber wahrscheinlich habe man mehr erreicht als ohne den Bürgerentscheid. Das Thema Stadtentwicklung sei wieder in den Fokus gerückt, und es engagierten sich auch mehr Bürger.

Und Erfolge habe es auch gegeben. Muschinski verweist auf das geplante Hochhaus auf dem Osthafengelände direkt an der Elsenbrücke, das nun nicht gebaut werde, und den Uferweg auf der Kreuzberger Seite der Spree. Der soll zwar nicht 50 Meter, sondern nur 20 Meter breit werden, »aber ohne uns wäre er so wohl nicht gekommen«, glaubt Muschinski. Und die bis zu 80 Meter hohen Gebäudetürme, die auf dem Postareal gegenüber dem Ostbahnhof geplant seien, würden eventuell um die Hälfte gestutzt. Darum bemühe sich jedenfalls das Bezirksamt.

»Hochhäuser sind Sackgassen nach oben«, sagt Hans Cousto von der Initiative »Megaspree«. Man habe immer noch nicht verstanden, dass es auch um Umweltschutz gehe. Hochhäuser schädigten das Stadtklima. Am Potsdamer Platz würde die Temperatur immer drei bis fünf Grad über normal liegen. Den Initiativen missfällt deshalb besonders das neben der Mehrzweck-Arena geplante Einkaufszentrum. Cousto: »Die Wohngebiete dahinter werden von der Frischluftschneise abgeschnitten.«

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