Von Volkmar Draeger

»Brenne und sei dankbar«

Eine Ausstellung in der Akademie der Künste beleuchtet die Lage freier Theaterkünstler

Die Fakten sind alarmierend. Zusammengetragen hat sie per Studie der Fonds Darstellende Künste. Befragt wurden dazu 4400 Theater- und Tanzschaffende sowie diverse Fachverbände. Die Ergebnisse, ergänzt durch Resultate eines internationalen Symposiums sowie Erkenntnisse ausländischer Studien, mündeten 2010 in eine Publikation. »Report Darstellende Künste« heißt sie und gilt als bislang umfangreichste, repräsentativste Untersuchung zur Lage der Künstler jener Sparten. Daraus wiederum entstand eine feine Wanderausstellung, die vom Kulturreferat München und der ver.di-Fachgruppe Theater und Bühnen gefördert wurde und derzeit in der Akademie der Künste am Pariser Platz Station macht.

Keine ausufernde Exposition gibt es zu besichtigen: Schauspielerin Gesche Piening und Medienkünstler Ralph Drechsel haben auf nur zehn plakathaft gestalteten Schautafeln alle wichtigen Informationen untergebracht. Am unteren Rand einer grafischen Darstellung stehen sie jeweils klein gedruckt und haben große Aussagekraft.

Dass der Kulturetat der öffentlichen Haushalte bestenfalls ein bis drei Prozent ausmacht, davon das Budget für die Freie Szene wieder nur 0,3 bis 2,5 Prozent, klingt schockierend. Mit 100 Euro Ausgaben pro Kopf und Jahr für Kunst und Kultur liegt Deutschland innerhalb von 20 Staaten Europas auf dem 14. Platz, vor Ungarn, Lettland, Irland, Polen und der Slowakei. Spitzenreiter Liechtenstein investiert 588 Euro, Schlusslicht Malta 40. Das klingt nicht nach Kulturnation Deutschland, obwohl hier die Dichte an Theatern groß, deren Angebot vielfältig und bei den Zuschauern beliebt ist.

Konkrete Umfragezahlen relativieren. So wechseln 19 Prozent der Theater- und Tanzschaffenden permanent zwischen abhängiger und unabhängiger Tätigkeit, kämpfen so ums Überleben. Besonders prekär ist die Situation unter den Freien, von denen 62 Prozent einen akademischen Abschluss haben, 90 Prozent mindestens eine Fremdsprache sprechen. 62 Prozent der Befragten geben an, »Wanderarbeiter« zu sein, 47 Prozent im Ausland. Das hört sich attraktiv an, hat indes gravierende Folgen. Ihr Stundenlohn liegt teils unter fünf Euro, 80 Prozent der Freien können sich von ihrem Beruf allein nicht ernähren, was etwa bedeutet: tags Tänzer, nachts Kellner. Und 45 Prozent sind an den Risiken einer Produktion beteiligt, mehr oder weniger freiwillig.

Was spannende Reisetätigkeit für Umtriebige zu sein scheint, hat weitere Folgen. So sind 48 Prozent der Freien ledig, nur 24 Prozent verheiratet, 21 Prozent leben in einer nichtehelichen Gemeinschaft. Keine Kinder haben 68 Prozent, gegen 35 Prozent im allgemeinen Durchschnitt, geben hierfür finanzielle Aspekte und den Zwang zur Flexibilität an. Wer stets auf der Lauer nach einem Angebot liegen muss, für den sind Kinder eher Last als Lust. Hinzu tritt, dass zwei Drittel der Produktionen cofinanziert sind, ob aus öffentlichen oder privaten Mitteln, und sogar 85 Prozent der Freien Eigenmittel investieren. So hat ein Choreograf seine Lebensversicherung vorzeitig gekündigt, um sein Stück zu finanzieren und damit zu touren. Seine Rechnung ging verheerend daneben.

Dass auf diese Weise die Entlohnung fatal niedrig ausfällt, manche gar Kredite aufnehmen, auf denen sie bei Misserfolg sitzen bleiben, sei angefügt. Das spiegelt sich im um 40 Prozent geringeren Jahreseinkommen gegenüber »normalen« Arbeitnehmern. 2008 betrug es 9430 Euro bei Frauen, 14 124 Euro bei Männern, was peinliche 33 Prozent Lohndifferenz ausmacht; 40 Prozent der Freien waren während der letzten drei Jahre gezwungen, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen.

Dass dies aufs Rentenniveau drückt, liegt auf der Hand. 2006 betrug es im »Normalfall« 1176 Euro in den alten, 1034 Euro in den neuen Bundesländern. Laut Künstlersozialkasse erreichten Freie 447 Euro in den alten, 408 Euro in den neuen Ländern. Von Altersarmut mag mancher junge Freie weder ahnen noch sich daran erinnern lassen. Ihn plagen akute Sorgen, will er trotz allem produzieren. Denn 35 Prozent seiner Arbeitszeit verplempert er mit Nebentätigkeit, 32 Prozent steckt er in Organisation und Akquise, gerade 33 Prozent bleiben für künstlerische Arbeit. Wenn etwa ein Choreograf endlich das Geld für seine Produktion beisammen hat, ist er erschöpft, steht zudem unter dem Druck, es in meist knapper Zeit ausgeben zu müssen. Es hat ihm also gefälligst Kunst einzufallen, will er das Geld nicht einbüßen.

Zufrieden sind 21 Prozent der Freien, fast die Hälfte fühlt sich gesellschaftlich geachtet. Je mehr künstlerische Freiheit sie genießen, ihr Potenzial ausschöpfen können und ein Einkommen erwirtschaften, desto zufriedener fühlen sie sich. Trauriges Fazit bleibt: »brenne und sei dankbar«. So nennt sich denn auch die Ausstellung.

Bis 30.9., mo.-so. 10-22 Uhr, Akademie der Künste, Pariser Platz 4.

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