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Bildungsnation? Von wegen!

Wieso Reformen im Bildungswesen nicht ausreichen

  • Von Sabine Sölbeck
  • Lesedauer: 5 Min.
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Dass das deutsche Bildungssystem unterfinanziert ist, ist eine Binsenweisheit, die von Politikern wie Verbänden gebetsmühlenartig wiederholt wird. Doch mit mehr Geld ist es nicht getan, meinen die Autoren des Buches »Was bildet ihr uns ein«. Die Autoren - allesamt jünger als 30 - fordern keine Reform, sondern eine Bildungsrevolution.

Dieses Buch will Gedankenfutter für eine neue Jugendbewegung sein. Es hat sich zur Aufgabe gemacht, eine scharfe Bestandsaufnahme des Bildungssystems in Deutschland zu bieten. Es möchte Politik und Pädagogen anregen, eine bessere Bildungspolitik zu machen. Es zeigt die Hindernisse im Bildungssystem auf, vom Kindergarten bis zur Universität. Dieses Buch, erschienen im Vergangenheitsverlag, von einer jungen Autorengeneration zwischen 19 und Anfang 30 verfasst, greift das derzeitige Bildungssystem an. Um etwas zu ändern, sagen die Autoren, bedarf es keiner Reförmchen, es bedarf grundlegender Veränderung - einer Revolution - so steht's geschrieben.

Die Revolution beginnt mit der Schilderung der Tatsachen in Form von Aufsätzen, von Interviews, und in persönlichen Schilderungen der Bildungsverläufe von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Die Analyse konzentriert sich auf die entscheidenden Dinge: Kindergartenwahl, dreigliedriges Schulsystem, Grundschule, Realschule, Hauptschule, Gymnasium, Förderschule, Gesamtschule, Frontalunterricht, Abitur, Universität, PISA, Bologna-Reform.

Die Ergebnisse überraschen nicht, sind sie doch Teil einer jahrzehntelangen Diskussion von Wissenschaftlern, Pädagogen und Politik. Das deutsche Bildungssystem selektiert noch immer. Gute und schlechte Schüler werden unnötigerweise getrennt. Die Dreigliedrigkeit des Schulsystems ermöglicht diese Selektion. Kinder von Akademikern haben andere Karrieren als Kinder aus sozial schwächeren Schichten oder mit Migrationshintergrund. Die Autoren fordern, Schule soll nicht mehr nur Wissen vermitteln, sondern den Menschen (das Kind) in den Vordergrund stellen. Die Forschungsergebnisse über das Lernen von Hirnforschern wie Gerald Hüther oder Manfred Spitzer scheinen der letzte fehlende Baustein zur Forderung einer Tat gewesen zu sein. Unter Angst kann man nicht lernen, heißt es. Und die emotionale Komponente »Angst« rückt den Blick erneut auf das Erziehungsbild hin zur Entfaltung der Persönlichkeit von Heranwachsenden.

Das ist richtig und nicht neu, es sei Ekkehard von Braunmühl genannt, der Begriffe wie »Erziehung« und »Pädagogik« in den 1970er Jahren grundlegend in Frage gestellt und Alternativen angeboten hat. Weitere Vordenker heißen Hartmut von Hentig, Paul Watzlawick oder Heinrich Kupffer, die die Ebene des herkömmlichen, erzieherischen Denkens längst verlassen hatten. Sie fragten, »Wer ist der andere?« anstatt der Frage des Erziehers zu folgen: »Was soll ich tun?«. Hinzu kommen all jene sogenannten reformpädagogischen Ansätze, die von engagierten Eltern und Lehrern in die Realität umgesetzt wurden, wie Montessori-, Freie - oder Walddorf-Schulen.

Es wundert und wundert zugleich nicht, dass in diesem neuen Buch, eine Revolution gefordert wird, die längst vollzogen hätte sein müssen. Woran liegt das, fragt sich der kritische Leser? Was ist geschehen, dass eine junge Generation sich diesem Thema erneut annehmen muss? Weil die Einstellungen und Haltungen sich nun endlich doch verändert haben? Man kann froh sein über diesen direkten, recht schonungslosen Vorstoß, der nicht davor zurück schreckt, es wiederholt auszusprechen: Unser Schulsystem ist auf Selektion angelegt, es gibt eine Trennung in »Begabte« und »Schwache«. Damit sind definitiv einige Kinder, zum Scheitern verurteilt. »Die Zergliederung des deutschen Bildungswesens ist abzubauen und bis zu einem gewissen Alter ganz aufzulösen.« Die Idee einer »Schule für alle« sei, gerade nicht nach Leistung zu trennen. Vielfalt der Schülerschaft als Segen, nicht als Belastung. Die Bestandsaufnahme des Scheiterns heißt: »Es bedarf nicht viel, um zu zeigen, wie beschränkt unser Bild von der Schule und vom Lernen ist.« Dazu müsse man lediglich ein durchschnittliches deutsches Klassenzimmer besuchen. Die Klassenraumarchitektur spiegle den Stand der deutschen Bildung wider. Es werde zwar der Eindruck vermittelt, dass andere Lernformen regelmäßig zum Einsatz kommen, der Anteil des Frontalunterrichts jedoch betrage immer noch etwa 90 Prozent. Das deutsche Bildungssystem sei, stellen die Autoren fest, durch eine doppelte Undurchlässigkeit geprägt: eine soziale Undurchlässigkeit, die Bildungserfolg an den sozialen Status der Eltern koppelt, und eine Undurchlässigkeit zwischen den Bildungsformen.

Des Weiteren rücken diese Autoren eine Beobachtung in den Vordergrund, die das Grundübel des Bildungssystems entlarven: Das Thema des Versagens in einer Leistungsgesellschaft. Die Angst, nichts wert zu sein und keine Anerkennung zu bekommen, werde von der Schule gemeinsam mit der Leistungsgesellschaft in das Innere eines jeden Schülers eingepflanzt. Ständiger Wettbewerb und laufende Leistungserbringung, sagt ein anonymer Autor, werden in unserer Gesellschaft nicht mehr als ein notwendiges Übel betrachtet, sie sind Teil eines ökonomischen Imperativs zur Selbstoptimierung. Dieser werde bereits den Jüngsten eingeimpft, um sie auf die Leistungs- und Wettkampfgesellschaft vorzubereiten. Die Bildungseinrichtungen würden zu institutionalisierten Übungsarenen eines Bildungswettstreits. Der Leistungsgedanke durchdringe in ganz neuer Qualität unser Inneres, unser Wertegerüst und unsere Vorstellungen, was ein sinnvolles Leben ausmache.

Das ist treffend gesagt. Jener anonymer Autor ist davon überzeugt, diese Anforderungen so weit verinnerlicht werden, »dass die davon abgeleitete Leistungssteigerung, Selbstoptimierung und das Vergleichs- und Wettkampfdenken zu einem inneren Antrieb, ja sogar zu einem inneren Bedürfnis werden. Bis sie sich dann zum notwendigen Elixier und sinnstiftenden Element des Lebens manifestieren und der Abhängige der Droge Leistung nicht mehr abschwören kann - das ist der zentrale Mechanismus, der unsere Leistungsgesellschaft pervertiert.«

Was bildet ihr uns ein? Der grammatikalische Fauxpas im Titel des Buches soll wohl der Hinweis auf die Jugendbewegung sein, die hier eine Revolution des Bildungssystems fordert. Das ist neu, das Alte muss über Bord, es ist nötig, ganz neu anzufangen.

Bettina Malter / Ali Hotait (Hg.) Was bildet ihr uns ein?, Vergangenheitsverlag, Berlin, Mai 2012, 200 Seiten, 19,90 Euro. Weitere Informationen zum Buch auf: www.wasbildetihrunsein.de

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