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Von Ort zu Wort

Stengel wäre 90

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Er hatte Instinkt: Er ging der Nase nach. Seiner. Da sie hervorstach, trug er sie hoch und erfand kurzerhand die Eitelkeit. Er hatte dazu Grund, er suchte ihn regelrecht, er ging der Sprache auf den Grund und schützte sie vor den Abgründen der Schluderer. Die Sprache dankte es ihm, sie wurde ihm Natur - so entsteht Kultur. Er lebte sie, sie lebte ihn, er ging mit Wörtern zirzensisch um, dass es einem die Sprache verschlug. Er war ein Wortglauber und Wortklauber. Zeitunglesen war ihm eine präzise Tatwortbesichtigung: Er überführte jeden grammatikalischen Verbrecher. Er war der Oberpädagoge bei den Unterhaltern, er warf mit Zensuren nur so um sich und traf stets die Richtigen. Er war Schriftsteller, was Satiriker-Kollege Peter Ensikat korrigierte: »Sprechsteller«.

Er füllte große Bühnen, er war Redakteur beim »Eulenspiegel« - wo er Manchen gelehrt haben mag, dass selbst die Schere im Kopf zweischneidig bleiben müsse. Er schrieb grandiose Epigramme (»Mit Stengelszungen«, Stenglisch for you«), sein »Struwwelpeter« ist ein Klassiker geworden. Er kannte sich wie kaum ein anderer aus in der DDR-Geographie, denn allzu oft wurde ihm hie Auftrittsverbot erteilt, was ihn nicht davon abhielt, da aufzutreten. Die DDR war groß genug für kleine Fluchten. Er hatte Witz, er starb 2003 am Abend seines 81. Geburtstages. Heute wäre er 90 geworden.

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