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Erwürgte und Erschlagene

Die Olympischen Spiele und die ach, so edlen Griechen: Doping, unlautere Mittel? Alter Hut!

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Es war zu erwarten. Keine Hoffnung hilft, keine Gutgläubigkeit. Jedes Herbeireden besserer Zustände bleibt die Selbsttäuschung der Moralisten. Also: Olympia und Doping bleiben ein Paar, auch in London.

War früher alles besser? Die Frage ist selber schweres Doping, weil Teil besagter Selbsttäuschung. Blickt man in die Geschichte, fällt von den hehren Griechen tonnenweise der Lack. Lauter schmutziger Lorbeer.

Nehmen wir den einen gewaltigen Mann, der sich 68 nach Christi durch die Wettkämpfe siegte wie das Messer durch die Butter. Grand Slam würden wir heute sagen: Bei allen vier großen panhellenischen Spielen (Olympien, Phythien, Isthmien, Nemeen) gewann er, was es zu gewinnen gab. Stadionlauf? Nero. Ringen? Nero. Faustkampf? Nero. Speerwurf? Nero. Pferderennen? Nero.

Nur ihn feuerte das Publikum an, und seine Gegner sahen doch aber allesamt kräftiger aus. Einige kriegten in Momenten, da ihnen beinahe aus Versehen ein Sieg »widerfahren« wäre, gerade noch rechtzeitig einen Schwächeanfall. Eine Million Sesterzen hatte der Kaiser, den die Geschichte unverdient nur als Brandstifter gelten lässt, in die Taschen der Schiedsrichter und sportlichen Gegner fließen lassen.

Im Jahre 338 vor Christi bestach Eupolos alle Boxer, gegen die er anzutreten hatte. Er war so schwächlich, dass er bereits in der Vorrunde die Kasse öffnen musste. Bei so vielen Kunden ist klar: Einer petzt immer. So erfuhren die Kampfrichter von den Untaten des Eupolos. Und da ihre Sache die der Gerechtigkeit war, forderten sie, was in solchen Momenten zu fordern ist: ausreichend Geld, um den Mund zu halten.

Sogar Tote schleppte man aufs Siegerpodest. Als im siebenten vorchristlichen Jahrhundert Arrhichion im Ringkampf starb, weil er vor des Gegners mächtigem Würgen Angst hatte, hob man den Röchelnden dennoch aufs Treppchen. Im Todeskampf war es ihm nämlich gelungen, dem anderen noch die Füße zu brechen. Da gab der auf, ein paar Sekunden zu früh.

Wahnsinnig vor Wut wurde der Faustkämpfer Kleomedes. Der hatte seinen Gegner tot geschlagen, und trotzdem drückte man den Lorbeerkranz auf dessen kalte Stirn. Was Kleomedes nicht wusste: Die Familie des Erschlagenen hatte vorher das Kampfgericht bestochen. Vor jedem Wettkampf fanden Marathonsitzungen statt, auf denen man sich über den Sieger einigte. Väter verdienten daran, dass sich ihre gestählten Söhne von gut zahlenden Jämmerlingen in die Flucht schlagen ließen. Der erste Platz bei Olympia war so etwas wie ein Etappensieg im Wahlkampf. Wer gewann, kam in den diplomatischen Dienst.

Jede Stadt war gierig nach olympischen Aushängeschildern. Was Wunder, dass die Athleten je nach Höhe der Ablösesumme die Heimat schneller wechselten als das Trikot. Milon von Kroton - er beherrschte im sechsten Jahrhundert die gesamte Ringer-Szene von Hellas - stieg so von der Straße in den Adel auf. Noch Jahrhunderte später ist er für Cicero und Aristoteles nur ein Anlass für Hohn und Spott. Überhaupt: die Ringkämpfer. Es siegte, wer den anderen unter sich begrub und schier zerquetschte. Schlanke und sehnige Körper - eine Sache nur für die Vasen, mehr nicht.

Auch bei den Spielen in London wird mancher Feingeist die Verfehlungen, Missbräuche, Unsportlichkeiten traurig beseufzen: Ach, wenn das die Griechen wüssten. Keine Bange, sie wussten es!

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