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Ist dies nicht die DDR?

Im Kino: »This ain‘t California«

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 4 Min.

This ain't California« heißt der Film über die Geschichte der Skateboarder in der DDR, der auf der Berlinale mit viel Resonanz gezeigt wurde: Die bunte Clique, die dem vermeintlich so grauen DDR-Alltag auf vier Rollen davonfährt und am Ende ins Visier des Staates gerät. 20 Jahre später treffen sie sich wieder und reden über die Jahre seitdem und über das Schicksal des Protagonisten, der im Osten aneckte und 2011 als Soldat in Afghanistan umkam.

Nun ist der Film in den Kinos - der Titel müsste nach dem, was zuletzt bekannt wurde, geändert werden in »Dies ist nicht die DDR«. Ohne dass dies im Film kenntlich wäre, sind zahlreiche Stellen in antik-dokumentarisch wirkender Super-8-Optik mit Schauspielern nachgedreht worden. Und dies in erheblichem Ausmaß: Nach dem dieser Zeitung vorliegenden Produktionsplan des Films gab es im vergangenen Sommer nicht weniger als 15 Drehtage für Szenen »bis 1989« und 15 Drehtage für die »Interviews« mit den vermeintlichen Protagonisten, die ebenfalls durch Schauspieler ersetzt wurden.

Ein solches »Re-Enactment« ist durchaus Standard im Geschichts-TV, etwa in den Germanenepen des Guido Knopp. Doch wüsste man natürlich gerne, welche Szenen »echt« sind und welche nachgespielt - zumal zumindest auf der Berlinale, auf der der Film in einer erst halb fertigen Fassung gezeigt wurde, nichts auf eine solche Machart hingewiesen hatte und die Festival-Journalisten von einer klassischen Dokumentation statt einer künstlerischen »dokumentarischen Erzählung« ausgingen. »Die Personen gab es, die Namen aber nicht alle«, formuliert die PR-Agentin. Dennoch basiere der Film auf »Wahrheiten«.

Natürlich könnte alles so gewesen sein wie in dem Film. Die dpa etwa hat zum Filmstart Mirko Mielke aufgetrieben, einen der echten Ost-Skateboarder aus Berlin. Was der heute 44-jährige Fliesenleger über den Alexanderplatz erzählt - »im Sommer saßen die Leute auf diesen riesigen Stahlstühlen und guckten zu, wir ließen uns bewundern« - deckt sich mit den atmosphärischen Bildern, die »This ain't California« zeichnet.

Ebenfalls zutreffen könnte die Erzählung des Films über das Verhältnis der Staatsmacht zu dem bunten Hobby. Laut Mielke war die Volkspolizei stets im Bilde, griff aber nur selten ein. »Es war nicht so, dass man dann weggezerrt oder verhaftet wurde.« So stellt es auch der Film dar, in dem die Protagonisten erst nach einer zu weitgehenden »Verbrüderung« mit West-Skateboardern in Konflikt mit den Sicherheitsbehörden geraten. Doch der »Stasi-Mitarbeiter«, der das in der »dokumentarischen Erzählung« erläutert, ist ein Schauspieler. Ob diesbezüglich recherchiert wurde, bleibt offen.

In dem Film wird auch eine Konfrontation zwischen Hauptfigur und MfS-Leuten gezeigt, die später zu seiner Verhaftung geführt habe. Man muss annehmen, dass auch diese Szene nachgedreht ist. Echt sind dagegen die Aufnahmen des »Hurricane-Trios«, einer Skateboard- und Breakdance-Show, die in den späten 1980ern durch die Dorfdiskos der DDR tingelte. Verifizieren lässt sich auch die Geschichte von der Skateboard-WG in Ostberlin.

Doch selbst die wüsten Partybilder aus dieser Wohnung, die der Filmgeschichte viel von ihrer Vitalität geben, beruhen auf nachgedrehtem Material: Als die Produzenten Schauspieler suchten, lautete eine der Anforderungen an das Casting, es sei »ein teilweise hoher Grad von Intimität gefordert, besonders bei den ›Party‹-Szenen«.

Die PR-Sprecherin sagt, es sei darum gegangen, eine schöne und wahre Geschichte in einem guten Film zu erzählen. Der »nd« vorliegende Casting-Leitfaden für den Film zeigt allerdings auch, wie sehr gerade die emotional starken Charaktere des Films die ästhetischen Vorstellungen eines westdeutschen Regisseurs in die Ost-Saga einschreiben: Für den Hauptfigur-Darsteller war etwa als Referenz »Colonel Kurtz« aus dem Vietnam-Drama »Apokalypse Now« erinnert: »Der Typ, der der Dunkelheit zu tief ins Auge geblickt hat.« An anderer Stelle ist vom »Mick Jagger der Ost-Skater« als Rollenmodell die Rede. Die Eltern der Hauptfigur waren demgegenüber wie folgt zu besetzen: »Ostler-Ehepaar Ende sechzig (...), unsympathisch, nach innen gewandt«, der Vater ein »ewig Gestriger«.

Nicht, dass es im Osten keine Mick-Jagger-Kids gegeben hätte oder unsympathische Väter. Dennoch sieht man den gefälligen, etwas überglatten Film mit solchem Vorwissen etwas anders.

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