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32 Tote in drei Jahren

Der britische IT-Konzern ATOS spart dem Staat Millionen indem er Behinderte arbeitsfähig schreibt

  • Von Christian Bunke, London
  • Lesedauer: 3 Min.

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Umstrittene Arbeitsfähigkeits-Tests an Behinderten kosten diese die Gesundheit und das Leben. Der Staat spart sich indes die Arbeitsunfähigkeitsbeihilfe. Zwei Dokumentationen im britischen Fernsehen brachten Ungeheuerliches zu Tage.

Es ist eine stolze Erfolgsquote: 32 Tote in drei Jahren. Der britische IT-Konzern ATOS führt im Auftrag der Regierung Arbeitsfähigkeitstests an geistig und körperlich behinderten Menschen durch. Werden diese als arbeitsfähig eingestuft, verlieren sie ihre Arbeitsunfähigkeitsbeihilfe mit sofortiger Wirkung und müssen sich einen Job suchen. 32 solcher so eingestuften Menschen starben im Laufe der letzten drei Jahre nur wenige Wochen nach Absolvierung des Tests an ihren Krankheiten.

Die Machenschaften des ATOS-Konzerns sowie seine undurchsichtigen Verbindungen mit dem zuständigen »Department for Work and Pensions (DWP)« bei der britischen Regierung waren in jüngster Zeit Thema von zwei Fernsehdokumentationen von der BBC und Channel 4. Dabei kam Menschenverachtendes zu Tage.

Für das Channel 4 Dispatches Magazin ging der Hausarzt Stephen Bick undercover. Er lies sich, bewaffnet mit einer verdeckten Kamera, in Leeds zum ATOS-Mitarbeiter ausbilden. Am ersten Ausbildungstag redete die Ausbilderin Tacheles: »Der Sinn der neuen Gesetzesregelung für Behinderte ist es, ihnen die Beihilfe zu entziehen.«

Ein großer Teil der Ausbildung drehte sich darum, wie der Arbeitsfähigkeitstest systematisch gegen behinderte Menschen ausgelegt ist. Originalton der Ausbilderin: »Nehmen wir eine Kassiererin im Supermarkt, die aufgrund von starken Rückenschmerzen nur 15 Minuten am Stück stehen kann. Da sie ohne weiteres sitzend arbeiten kann, hat sie keine Punkte zu erhalten. Die Beihilfe ist ihr zu entziehen. Oder die Mobilitätsfrage. Solange jemand einen Rollstuhl bedienen kann, gilt er als arbeitsfähig, kriegt keine Punkte und kriegt somit keine Beihilfe.« Getestete Personen müssen im ATOS Testverfahren mindestens in einer Kategorie 15 Punkte erzielen. Sonst ist es unmöglich als arbeitsunfähig geschrieben zu werden. Dies wurde von der Ausbilderin in der Dokumentation als »fast unmöglich zu erreichen« beschrieben. »So lange man noch in der Lage ist, mit einem Finger einen Knopf zu drücken, gilt man als arbeitsfähig. Kann man einen Arm nicht, den anderen aber verwenden, ist man arbeitsfähig.«

176 000 Betroffene legen jedes Jahr gegen das Ergebnis des ATOS Tests Widerspruch ein. 30 Prozent kriegen Recht. Neil Bateman, ein von der BBC interviewter Patientenanwalt, redet sogar von einer Erfolgsquote von 80 bis 90 Prozent. Laut DWP kosten die Widersprüche dem Staat jährlich 60 Millionen Pfund.

Sowohl ATOS als auch die Regierung bestreiten, dass es bei den Tests eine Quote gebe, wonach nur eine bestimmte Zahl von Personen als arbeitsunfähig zu schreiben seien. Sowohl in der BBC als auch der Channel 4 Dokumentation kam jedoch zum Vorschein, dass auf ATOS-Beschäftigte Druck ausgeübt wird, sieben von acht Testpersonen arbeitsfähig zu schreiben. Schreibt ein ATOS Mitarbeiter zu viele Menschen arbeitsunfähig, wird seine Arbeit einer »Revision« unterzogen. Diese Methoden, sowie das gesamte Programm, wurden von der Ausbilderin in Leeds als »vergiftet und widerlich« beschrieben.

Am 13. August streiken die bei ATOS beschäftigten Büro-, Rezeptions-, und IT- Angestellten. Sie wehren sich gegen eine Gehaltskürzung. Deren Gewerkschaft, die PCS, erklärte in einer Stellungnahme: »ATOS hilft der Regierung beim Kürzen von Millionen Pfund an Beihilfen für kranke und behinderte Menschen. Wir unterstützen alle, die dagegen ankämpfen, sowie jene ATOS Beschäftigten, die höhere Löhne fordern.« Die Regierung ist mit ATOS jedenfalls zufrieden. Der Konzern hat kürzlich drei weitere Verträge für ähnliche Testverfahren bekommen.

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