Hier jagt die Hexe

»ParaNorman« von Chris Butler und Sam Fell

  • Von Alexandra Exter
  • Lesedauer: 4 Min.

An Normans elektrischer Zahnbürste hängt ein brauner Schrumpfkopf - aus Plastik. Nach dem Zähneputzen reißt Norman vor dem Badezimmerspiegel Monstergrimassen. Der Dekor in seinem Zimmer besteht aus Zombie-Filmpostern, Untoten-Nachttischlampe und grabsteinförmigem Wecker. Norman selbst ist ein Schüler mit Segelohren, Stupsnase, kornblumenblauen Augen, fingerdicken Augenbrauen und schokobraunen Bürstenhaaren, die stets zu Berge stehen, als stehe der ganze Norman unter Schock. Tut er aber nicht, auch wenn er in der Schule gehänselt und von seinen Eltern mit zunehmend entnervter Sorge betrachtet wird. Denn Norman kann Tote sehen - und pflegt ein gutes Verhältnis zu ihnen.

Seine verstorbene Großmutter sitzt strickend (und leicht phosphoreszierend) neben ihm auf dem Sofa, wenn Norman alte Zombie-Filme guckt, gibt gute Ratschläge, bestellt Grüße an den Rest der Familie (für die Norman, wenn er sie ausrichtet, leider mit Augenrollen und Wutausbrüchen gestraft wird), und ist sein guter Schutzengel. Wenn Norman morgens zur Schule geht, trifft er ein gutes Dutzend verstorbener Nachbarn, mit denen er freundliche Grüße tauscht. Denn Norman selbst hat seinen Frieden mit den Toten gemacht, die seinen Alltag begleiten - wenn nur die anderen Lebenden das auch endlich täten und ihn nicht ständig für seine übersinnlichen Fähigkeiten mobbten.

»ParaNorman« ist ein Kinderfilm über Hexenjagden und Justizirrtümer, über Außenseitertum, das lebensgefährlich ist, wenn die Gemeinschaft auf Konformität dringt, aber lebensrettend, wenn sie dazu gebracht werden kann, sich die besonderen Fähigkeiten ihrer Mitglieder zunutze zu machen. Ein Film über Lynchmobs und die Kommerzialisierung der Geschichte - von der kleinen Hexe, die die Bewohner von Normans Heimatkleinstadt in Massachusetts einst henkten, lebt inzwischen der ganze Ort. Auf dem Platz steht ein Hexen-Denkmal, in der Schule studiert Normans Klasse ein Hexenspiel ein, die Läden werben mit Hexen-Burger. Für die Einwohner ist die alte Hexengeschichte bloß ein Stück Folklore, mit dem man den Tourismus anheizt. Die untote Hexe sieht das ganz anders.

»ParaNorman« ist ein Film über Schuld und Sühne (oder jedenfalls Vergebung) und außerdem ein Trickfilm, gedreht in computergestützter Stop-Motion-Animation (und in 3D) in dem selben Studio in Oregon, USA, in dem schon Henry Selicks düstere Kinderfabel »Coraline« entstand - ein Studio, das von einem der schwerreichen Gründer der Sportartikelmarke Nike für seinen Sohn gekauft wurde, der dort nun Chef-Animator ist. Geld spielt bei den Laika-Produktionen also wohl eher keine Rolle, wie man so sagt. Entsprechend üppig sind Detailreichtum und technischer Aufwand des Films, der nach einer Idee von Chris Butler (ursprünglich mit einem befristeten Projektvertrag für »Coraline« eingestellt) entstand und von Chris Butler und Sam Fell inszeniert wurde (der führte schon bei Aardmans Kanalrattenkomödie »Flutsch und weg« Ko-Regie).

Weil der Fluch der Hexe an ihrem Todestag erst ihre damaligen Richter aus ihren Gräbern holt, die nun als Zombies in spitzen Pilgerväterhüten die Kleinstadt unsicher machen, und dann auch gleich die ganze Stadt mit einem schrecklichen Untergang bedroht - die drohende Apokalypse steht als gewitternder, farbintensiver Luftwirbel wie aus van Goghs bewegteren späten Himmeln in der Luft -, muss schnellstens Rettung her. Ausgerechnet Normans verwahrloster Onkel Prendergast ist eigentlich der Wächter über den Fluch (weil der des Totenblicks offenbar in der Familie liegt), aber der steht selbst kurz vor dem Ableben. Ein Erbe muss her - wer sonst natürlich als Norman?

Weil keine rettende Kavallerie in Sicht ist, ziehen Norman und ein paar zufällige Mannen aus, den Hexenfluch noch in der selben Nacht zu bannen: Normans Schwester, vorrangig blond, und der gleichaltrige Muskelmann-Bruder seines dicklichen Klassenkameraden Neil, nach dem sie sofort schmachtend ihre manikürten Nägel ausstreckt, Neil selbst, und außerdem unter allen unerwünschten Mitstreitern ausgerechnet der hochgeschossene Bully, der Norman in der Schule das Leben schwer macht. Am Ende lernt die Stadt Toleranz gegenüber Leuten, die mit Toten sprechen, gleichgeschlechtlich lieben oder einfach nur einem Justizirrtum erlagen. Nur die kleine Hexe, die hat mal wieder das Nachsehen und darf am Ende nichts als - Langmut zeigen.

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