Sprachenwiege Anatolien

Indoeuropäer breiteten sich vor 9500 Jahren aus

Washington (dpa/nd). Englisch, Spanisch, Griechisch, Deutsch oder Persisch - diese und viele andere indoeuropäische Sprachen haben einen gemeinsamen Ursprung. Der liegt einer neuen Untersuchung zufolge im vorgeschichtlichen Anatolien (heute Türkei). Beginnend vor 9500 Jahren habe sich die Ursprache von dort über weite Teile der Welt ausgebreitet, berichtet ein internationales Forscherteam im Fachblatt »Science« (Bd. 337, S. 957).

Die indoeuropäische Sprachfamilie ist die am weitesten verbreitete der Welt. Zu ihr gehören unter anderem die germanischen, romanischen und slawischen Sprachen. Zum Ursprung der indoeuropäischen Sprachen diskutieren Fachleute vor allem zwei Hypothesen: Der Steppen-Hypothese zufolge entwickelte sich die Grundsprache nördlich des kaspischen Meeres. Von dort hätte sie sich demnach mit halbnomadisch lebenden Viehhaltern der Kurgankultur vor 5000 bis 6000 Jahren ausgebreitet.

Die Forscher um Remco Bouckaert von der University of Auckland (Neuseeland) fanden in ihrer Studie jedoch eher Belege für die Anatolien-Hypothese. Derzufolge breiteten sich die Sprachen von Anatolien aus vor 9500 bis 8000 Jahren zusammen mit der Landwirtschaft und einer bäuerlichen Lebensweise aus. Die Wissenschaftler hatten für ihre Untersuchung ein Verfahren aus der Genetik angewendet, um die Verwandtschaftsverhältnisse zu untersuchen.

Bouckaert und Kollegen betrachteten anstelle des Erbgutes verschiedene Wörter aus 103 gegenwärtigen und toten Sprachen, die einen gemeinsamen Ursprung besitzen, zum Beispiel das Wort Mutter. Mutter heißt im Englischen »mother«, im Spanischen »madre« oder im Persischen »madar«. Fachleute nennen solche Wörter mit gemeinsamem Ursprungswort Kognate. Die Wissenschaftler verfolgten nun mit Hilfe eines statistischen Verfahrens die Entwicklung der Kognate über die Zeit und brachten die Angaben mit dem heutigen Verbreitungsgebiet der jeweiligen Sprache zusammen. So stießen sie auf Anatolien als den wahrscheinlichen Ursprungsort der indogermanischen Sprachen.

Vor 4000 bis 6000 Jahren spalteten sich Unterfamilien des Indogermanischen ab, etwa die Stammsprachen des Keltischen, Germanischen oder Indoiranischen. Die Forscher betonen, dass die Landwirtschaft eine maßgebliche Rolle für die Entwicklung der Sprachvielfalt gespielt habe.

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