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Das System zerstören

Der in Deutschland lebende Grieche Stavros Kailoglou über Folgen der Sparpolitik und die Zukunft seines Landes

Stavros Kailoglou ist 1982 in Athen geboren und dort aufgewachsen. Seit April lebt er in Leipzig und arbeitet als Koch in einem griechisch-italienischen Restaurant. Doch aufgegeben hat er sein Heimatland deshalb nicht. Wenn die Krise vorbei ist, will Kailoglou zurückkehren. Mit ihm sprach für »nd« Katja Herzberg.

nd: Deutschland genießt derzeit aufgrund einiger Äußerungen von Politikern nicht gerade den besten Ruf in Griechenland. Haben Sie darüber nachgedacht, als Sie vor wenigen Monaten die Entscheidung trafen, hierher zu ziehen?
Stavros Kailoglou: Nein, das hat für mich keine Rolle gespielt. Mir ist bewusst, dass es einen Unterschied gibt zwischen der Politik und den Menschen. Wenn die deutsche Politik der griechischen Regierung Vorgaben macht und etwa fordert, die Sozialausgaben zu kürzen, weiß ich, dass das nicht die gesamte deutsche Bevölkerung repräsentiert.

Warum haben Sie beschlossen, Ihr Leben in der griechischen Hauptstadt aufzugeben und nach Leipzig zu gehen?
Bis Dezember 2010 hatte ich in Athen einen Vollzeitjob in einer Agentur für Firmenreisen. Wegen der Krise wurde ich dort gekündigt. Auch die Firmen fingen an, bei Dienstreisen zu sparen. Danach hatte ich eine Teilzeittätigkeit gefunden. Aber was ich dabei verdiente, reichte nicht. Also dachte ich, ich bin noch jung und sollte auch einmal etwas anderes probieren. Da meine Freundin Deutsche ist, habe ich beschlossen, nach Deutschland zu gehen, natürlich auch in dem Wissen, dass die Situation hier viel besser ist.

Das heißt, Sie fühlen sich hier wohl.
Ja. Es geht mir gut. Ich habe eine gute Arbeit, auch schon ein paar Freunde. Ich treffe andere Griechen im Restaurant, kann also auch in meiner Muttersprache kommunizieren. Aber ich vermisse ein wenig die Sonne und das Meer.

Wie war es in Griechenland, bevor Sie weggegangen sind?
Der Großteil der Griechen arbeitet hart und gibt sein Bestes. Aber es gibt einige Personen, die diese Situation herbeigeführt haben. Ihr System hat eine über Jahre andauernde Wirtschaftskrise gebracht. Das macht mich traurig.

Wenn es diese Krise nicht gäbe, hätten Sie ein anderes Leben in Griechenland?
Ja, natürlich. Das Leben war hart, aber es hat gereicht. Du machst deinen Job, du kannst nicht viel verdienen. Aber es ist genug, um zu überleben und einmal im Jahr Urlaub zu machen.

Was sind die größten Probleme in dieser Krise?
Die Menschen, die ein normales Leben führten, verlieren jetzt ihre Jobs und ihre Häuser. Sie gehen zu den Mülltonnen der Supermärkte auf der Suche nach Essen. Viele gehen auch zu den Kirchen, um Hilfe zu bekommen. Obdachlose, Menschen mit Alkohol- und Drogenproblemen gab es immer schon. Doch jetzt sind es ganz normale Familienväter und Mütter, die sich das Leben nicht mehr leisten können. Außerhalb von Athen, in den Dörfern, trifft es die Menschen nicht ganz so hart. Sie sind insgesamt unabhängiger, weil sie selbst Lebensmittel produzieren. Das ist auch der Grund dafür, dass in den letzten Jahren viele Menschen Athen, eine der teuersten Städte Europas, verlassen haben und zurück aufs Land gezogen sind. Das habe ich auch vor, wenn ich einmal nach Griechenland zurückkehren sollte. Dann möchte ich auch einen kleinen Hof aufbauen, um unabhängig zu sein.

Wie werden Ihre Freunde und ihre Familie mit der Situation fertig?
Ich habe zwei Brüder. Nur einer von ihnen hat gerade Arbeit. Meine Eltern sind getrennt. Meine Mutter arbeitet ein paar Stunden pro Woche. Das Problem ist, dass die Löhne gesunken und die Preise gestiegen sind. Es ist nicht so, dass die Menschen sich beschweren, weil sie weniger Geld bekommen. Sie sind bereit, weniger Gehalt zu akzeptieren, aber es soll genug sein, um davon noch leben zu können. Unter den derzeitigen Bedingungen können sich die Menschen aber nicht einmal mehr die Heizung im Winter leisten.

Wie ist es in diesen schweren Zeiten um die Solidarität bestellt?
Die Menschen unterstützen einander. Auch die Kirche hilft sehr viel. Die Familien rücken wieder enger zusammen. Die Söhne und Töchter wohnen wieder länger bei den Eltern. Ich wiederum möchte meine Familie von hier aus unterstützen.

Was sind Ihrer Ansicht nach die Ursachen für diese Krise?
Ich denke, es ist das System. Die Griechen dachten immer, sie lebten in einem sozialistischen System. Aber das war eine Illusion. Wir leben im Kapitalismus. Es gibt ein paar soziale Maßnahmen wie Arbeitslosengeld oder die allgemeine medizinische Versorgung. Das führte zur Anhäufung von Schulden. Die Menschen haben das nicht erkannt, sie dachten sie leben in Kuba. Dazu kommt noch die Korruption im öffentlichen Sektor und bei den großen Parteien. Die Neo Dimokratia und die PASOK haben immer, wenn sie die Regierung stellen konnten, die Leute in die Posten gehievt, die sie gewählt hatten, und so eine Wahlarmee kreiert. Eine Million Menschen waren im öffentlichen Dienst angestellt - bei maximal sechs Millionen Wählern. Daran kann man sehr gut erkennen, wie leicht die Wahlen zu kontrollieren waren. Und entsprechend waren die Beamten auch nicht motiviert, für die Bevölkerung zu arbeiten.

Hat sich das nicht mit dem Wachstum des Wahlbündnisses SYRIZA oder den Auflagen der Gläubiger geändert?
Die Gläubiger wollen nur, dass Griechenland Geld spart - egal wie. Daher wurde das System nicht angerührt. Das würde nämlich zum Kollaps der beiden großen Parteien führen. Geld wurde nur den Arbeitern und den kleinen Unternehmen genommen. 40 000 Personen sitzen in Athen noch immer in den Büros des kommunalen Straßenreinigungsunternehmens, während 2000 Angestellte versuchen, die Stadt sauber zu machen. Das ist verrückt.

Haben Sie selbst SYRIZA gewählt?
SYRIZA sagt ein paar gute Dinge, aber den Weg, den sie gehen wollen, halte ich für falsch. Du kannst solch ein System nicht langsam reformieren. Der einzige Weg ist, das System zu zerstören - nicht mit Gewalt, sondern mit dem grundlegenden Menschenrecht, das wir haben, mit der Stimme.

Nun ist das Wahlbündnis SYRIZA auch nach der Wahl im Juni nicht in der Regierung, sondern es sind wieder Nea Dimokratia und PASOK. Wird sich denn in den kommenden Jahren gar nichts verändern?
Wenn sich die Menschen tatsächlich zusammenschließen würden, hätte die Regierung Angst. Aber im Moment denken alle Gruppen an sich, die Arbeiter wollen wieder höhere Löhne, die Pensionäre mehr Rente, der Kleinunternehmer weniger Steuern zahlen. Nur wenn sie sich alle zusammenschließen würden, wären die Streiks erfolgreich. Aber im Moment scheinen mir die Menschen verwirrt zu sein.

Was braucht Griechenland jetzt also?
Griechenland muss sich Industrie aufbauen und die Landwirtschaft ausbauen. Wir haben sehr gute Bedingungen dafür. Und zuallererst braucht Griechenland eine Regierung, die nicht korrupt ist. Mir ist schleierhaft, warum meine Mitbürger wieder die gleichen Personen gewählt haben, die die jetzige Situation zu verantworten haben.

Wie könnte die europäische Gemeinschaft helfen, außer mit Krediten?
Griechenland braucht die psychologische Unterstützung von Europa, statt Strafen angedroht zu bekommen. Was wäre Europa ohne Griechenland? Für mich wäre es das Kind ohne die Mutter - vor allem aus kultureller Sicht. Denn was ist es, was Europa so stark macht, die Wirtschaft oder die Demokratie? Für mich sind es Demokratie und Zivilisation.

Wie sehen Sie Ihre persönliche Zukunft?
Die nächsten zwei Jahre werde ich hier sein und hart arbeiten. Ich hoffe, eines Tages in mein Heimatland zurückzukehren. Denn es ist ein sehr schönes Land mit tollen Menschen. Es klingt vielleicht naiv, aber ich denke, dass ein grundlegender Wandel wieder von Griechenland ausgehen kann. Auch in Deutschland gibt es viele Menschen mit Problemen wie Arbeitslosigkeit und Alkoholismus. Viele junge Menschen wirken verloren. Sie sehen, dass es eine gute Entwicklung gibt, aber nicht für sie. Für mich ist der Kapitalismus gescheitert. Wir haben die Verantwortung ein anderes, gerechteres System für unsere Kinder und die zukünftigen Generationen zu finden.

Engagieren Sie sich dafür in einer politischen Organisation?
Nein. Meine einzige politische Aktivität ist zurzeit das Lesen. Und ich wähle. Ich finde, meine Stimme ist die stärkste Waffe, die ich habe.

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