Vielleicht hätten wir auch bleiben müssen

Gefühle von Ohnmacht und »unglaubliche Wut« auf die Zustände: Ein Rostocker Antifaschist erinnert sich an Lichtenhagen

Erwin* aus Rostock war zum Zeitpunkt des Pogroms in Lichtenhagen 19 Jahre alt und in der linken Szene aktiv. Über seine Erinnerungen an die Tage im August 1992 sprach mit ihm Jörg Meyer.

nd: Wie hast du vom Beginn der rassistischen Ausschreitungen am 22. August 1992 erfahren?
Wir hatte schon vorher davon gehört. Es gab Ankündigungen in der Presse, dass sich am Wochenende vor dem Flüchtlingswohnheim und dem Haus der Vietnamesen Rassisten treffen wollten. Wie schlimm das werden würde, das hat keiner von uns geahnt.

Es war bekannt?
Ja klar. Wir sprechen hier von einer Zeit, zu der fast täglich Flüchtlingswohnheime angegriffen wurden. Von daher waren die Ankündigungen nicht außergewöhnlich, aber wir hatten das Gefühl, dass sich dort etwas Größeres zusammenbraut. Deshalb waren wir vorbereitet, hatten Treffpunkte ausgemacht und Leuten von außerhalb Bescheid gesagt.

Wann hast du gemerkt, wie schlimm es werden würde?
Wir haben uns im damaligen Jugend Alternativ Zentrum (JAZ) in der Innenstadt getroffen. Am Samstag sind einige rausgefahren nach Lichtenhagen und kamen angesichts der Masse, die sich sammelte, sehr erschrocken zurück. Von da an haben wir versucht, bundesweit Leute zu aktivieren. Wir haben die Telefonketten in den besetzten Häusern in Berlin und Hamburg ausgelöst. Am Sonntag sind dann viele von außerhalb gekommen. Es gab ewig lange Plena, auf denen wir besprochen haben, was wir tun können. In der Nacht von Sonntag auf Montag gab es eine Demo mit knapp 300 Leuten, die die Nazis wenigstens kurz vertreiben konnte. Wir sind mit Autos rausgefahren, haben uns im Schutz der Häuser dicht ans Sonnenblumenhaus geschlichen. Dann sind wir mit »Nazis raus!«-Rufen auf sie zu gestürmt. Die Nazis sind gerannt, und bei einigen wurde auch handfest nachgeholfen. Wir haben dann eine Demo durch den Stadtteil gemacht. Als wir wieder bei den Autos angekommen waren, wurden wir von der Polizei eingekesselt und ein Großteil in Gewahrsam genommen.

Warum seid ihr nicht geblieben?
Die Erfahrung, gegen einen so großen Mob aus Nazis und Bürgern vorzugehen, hatte von uns niemand. Da war eine Bürgerkriegsatmosphäre, überall Rauchschwaden, Steine lagen herum.

Auf einmal steht man auf einer leeren Wiese, ringsherum feindlich gesinnte Menschen, von denen man nicht weiß, wie viele es sind. Vielleicht hätten wir auch dort bleiben können - bleiben müssen ...

Wie ging es weiter?
Wir sind von der Gefangenensammelstelle Nachmittag wieder zum JAZ gefahren. Wir haben es aber nicht mehr geschafft, in einer größeren Gruppe rauszufahren.

Warum?
Ich weiß es nicht mehr genau. Wir standen schon an den Autos, haben uns angeschrien, aber es waren zu wenige, die tatsächlich fahren wollten. Die Situation am Sonnenblumenhaus hatte sich zugespitzt. Es waren mehr Nazis, der Mob war gewachsen, das Wohnhaus der Vietnamesen brannte, keine Polizei mehr da. Das Risiko war vielen zu groß. Es haben aber permanent Leute in Lichtenhagen antifaschistisch agiert ...

Wie bitte?
... es wurden viele Nazis verprügelt.

Die Vietnamesen und Unterstützer waren in Lebensgefahr.
Mein Gefühl war in erster Linie eine unglaubliche Ohnmacht, dass wir das nicht verhindern und stoppen konnten. Wir waren sehr froh, als wir am späten Abend des 24. die Nachricht bekommen haben, dass alle rausgekommen sind.

Mit welchem Gefühl fährst du heute zur Antifademo?
Ich habe immer noch diese unglaubliche Wut - nicht nur auf die Nazis und Rassisten, die dabei waren, sondern auf diejenigen, die es angeheizt und politisch ausgeschlachtet haben. Das war ein staatliches Komplettversagen. Die Äußerungen vom damaligen Innenminister Rudolf Seiters (CDU), der, als es noch gebrannt hat, gesagt hat:, man müsse jetzt diesen »Asylantenzustrom« stoppen. Mit was für einer Menschenverachtung dort agiert worden ist und mit welchem Kalkül das Pogrom zur Durchsetzung der eigenen rassistischen Politik genutzt worden ist ... Es ist wichtig zur Demonstration heute zu gehen, auch damit die Gesamtsituation, in der sich das Pogrom ereignet hat, nicht vergessen wird.

(* Name geändert)

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