Vollendung einer Trilogie

Otto dem Großen über die Schulter schauen

  • Von Uwe Kraus, Magdeburg
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Landesausstellung Sachsen-Anhalt »Otto der Große und das Römische Reich« im Kulturhistorischen Museum Magdeburg hat sieben Korrespondenzstandorte.

Das Evangeliar aus St. Gereon, eine über 1000-jährige und 223 Seiten starke Prachthandschrift, die beim Einsturz des Historischen Archivs von Köln 2009 beschädigt wurde, erstrahlt nach der Restaurierung nun in neuem Glanz. Und geht gleich für 100 Tage auf Reisen. Vom 27. August bis 9. Dezember ist das Aushängeschild der Kölner Buchkunst des frühen Mittelalters in der großen Landesausstellung Sachsen-Anhalt »Otto der Große und das Römische Reich« im Kulturhistorischen Museum Magdeburg zu sehen. Als Auftraggeberin für die prachtvoll und detailreich illustrierte Handschrift vermuten Forscher eine Angehörige des Ottonischen Herrscherhauses, die Gattin Ottos des Großen, Adelheid von Burgund oder Kaiserin Theophanu, die Mutter von Otto III.

Otto der Große (912-973) heiratete mit 16 Jahren, wurde mit 24 König der Ostfranken, König von Italien mit 39, und noch vor seinem 50. Geburtstag krönte der Papst ihn zum deutsch-römischen Kaiser.

Zwei Jubiläen

In diesem Jahr jährt sich zum 1100. Mal der Geburtstag von Kaiser Otto des Großen und zum 1050. Mal seine Kaiserkrönung. Das Kulturhistorische Museum Magdeburg zeigt aus diesem Anlass mit rund 350 Exponaten von Leihgebern aus 17 Ländern die faszinierende Entwicklung des Kaisertums von der Antike bis zu Otto dem Großen. Zu den absoluten »Bonbons« zählen die erst 2005 auf dem Palatin in Rom gefundenen kaiserlichen Insignien, die nur in den ersten sechs Wochen präsentiert werden, bevor sie in Mailand zu sehen sind. Aus dem Berliner Pergamonmuseum wird die 2,5 Tonnen schwere Statue des Trajan in Sachsen-Anhalts Landesmetropole zu sehen sein, die Pariser Bibliotheque Nationale leiht zur Überraschung vieler Experten sein Evangeliar aus der Trierer Buchmalereischule aus.

Die etwa drei Millionen Euro teure Schau ist nach den großen Magdeburger Europaratsausstellungen »Otto der Große« im Jahr 2001, die rund 300 000 Besucher anzog, und »Heiliges Römisches Reich« 2006 sowie der Landesausstellung »Aufbruch in die Gotik« 2009 die dritte Otto- und vierte von Prof. Matthias Puhle verantwortete Ausstellung, die nach Magdeburg einlädt - , der einstigen Lieblingspfalz Ottos des Großen. Der 57-jährige Puhle, der 1991 aus Niedersachsen ans Kulturhistorische Museum Magdeburg wechselte und auch dem Museumsverband Sachsen-Anhalts vorsteht, wird sich mit der Otto-Schau aus dem aktiven Museumsleben verabschieden. Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) ernannte ihn zum 1. September zu seinem Abteilungsleiter Kultur.

Jeder der sieben Korrespondenzstandorte der Otto-Ausstellung rückt einen besonderen Aspekt in den Mittelpunkt und reflektiert mit eigenen Schauen das Doppeljubiläum. Nach der Eröffnung in Wallhausen, wo Otto mutmaßlich geboren wurde, folgen Halberstadt, Merseburg, Ottos Todesort Memleben, Quedlinburg sowie Gernrode und Tilleda. Historiker wie Tourismus-Fachleute verweisen auf die große Potenz, die der Ausstellungsidee inne wohne.

Auf Kaiserspuren

Die Besucher haben die Möglichkeit, auf den Kaiserspuren die Originalschauplätze seiner Regentschaft zu besichtigen und die reiche Kulturlandschaft Sachsen-Anhalts aus der Perspektive der Ottonischen Könige und Kaiser neu zu entdecken Darunter befinden sich Kirchen, Klöster und Pfalzen von Welterbe-Rang. Mit diesem Konzept folgt man Praxis von vor 1000 Jahren. In der Ottonischen Königslandschaft ritt der Herrscher von Pfalz zu Pfalz, um seine Macht auszuüben.

Halberstadts Domkustos Dr. Thomas Labusiak charakterisiert die Verschiedenartigkeit der beiden Korrespondenzstandorte der Magdeburger Landesausstellung »Otto der Große und das Römische Reich. Kaisertum von der Antike zum Mittelalter« im Nordharz: »In Quedlinburg geht es ums Heiraten, in Halberstadt zur Sache.« »In der Hoffnung auf ewigen Lohn. Otto der Große und das Bistum Halberstadt« zeigt den über dreizehn Jahre erbittert geführten Streit zwischen Otto und dem Halberstädter Bischof Bernhard. Otto wollte ein neues Erzbistum in Magdeburg gründen und sah darin »in der Hoffnung auf ewigen Lohn« eine entscheidende Tat seines Lebens.

»Die Auseinandersetzung eskalierte zum Osterfest 966 in Quedlinburg: Otto setzte den Halberstädter Bischof aufgrund seines fortgesetzten Protestes gefangen, dieser exkommunizierte daraufhin den Herrscher, der sich wiederum ins Büßergewand warf und in Halberstadt erschien. Bernhard befreite den Kaiser vom Kirchenbann, Otto versprach, seine Magdeburg-Pläne zu Bernhards Lebzeiten nicht mehr weiter zu verfolgen«, erläutert Anja Preiß, die die Schau mitkonzipierte. Für Thomas Labusiak hat es dabei einen besonderen Reiz, »den Protagonisten, die vor 1000 Jahren lebten, über die Schultern zu schauen.«

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