Eine ganze Ära ist ausradiert

Lance Armstrong akzeptiert den Urteilsspruch der US-Antidopingagentur und gibt seine sieben Toursiege kampflos her

Das Monument fällt. Lance Armstrong gibt kampflos seine sieben Toursiege her. Der Texaner akzeptiert den Urteilsspruch der US-Antidopingagentur (USADA), die ihm wegen Doping in den Jahren 1998-2010 alle in diesem Zeitraum errungenen Siege aberkennen und ihn mit einer lebenslangen Wettkampfsperre belegen will.

Ein Eingeständnis, gedopt zu haben, ist dies aber nicht. »Jeder Mensch kommt einmal in seinem Leben an den Punkt, an dem er sagt: Genug ist genug. Für mich ist dieser Zeitpunkt jetzt gekommen«, schrieb Armstrong in einem Brief. Er beklagte die »Hexenjagd« durch USADA-Direktor Travis Tygart und den »Tribut, den all das von meiner Familie und meiner Arbeit für die Stiftung gefordert hat«. Er gibt vor, müde und erschöpft zu sein. Das überrascht bei diesem »Terminator« und »Teflon-Mann«.

Wahrscheinlicher ist, dass er dieses Mal nicht daran glaubte, einen Sieg davontragen zu können. So interpretiert der Präsident der Weltantidopingagentur (WADA) John Fahey den Rückzug Armstrongs. »Das bedeutet, die Anklagen haben Substanz«, ließ Fahey auf der WADA-Website verbreiten.

Was auf den ersten Blick wie ein Sich-Fügen ins Unvermeidliche aussieht, ist auf den zweiten der Grundstein für weitere Mythenbildung. »Lance will sich als Märtyrer inszenieren«, vermutete das US-Radsportmagazin Velonews. Das macht Sinn. Denn weiterhin erkennt Armstrong der USADA das Recht ab, über ihn zu urteilen. Nur der Rechtsprechung der ihm u. a. dank Spendenzahlungen freundschaftlich verbundenen UCI wolle er sich unterwerfen.

Mit seinem Rückzug aus dem USADA-Verfahren verhindert er freilich auch, dass weitere Details seiner Dopingpraxis ans Licht kommen. David Walsh, Autor von »L.A. Confidential«, einem Buch voller Dopinganklagen gegenüber Armstrong, bedauert dies. »Ich bin froh darüber, dass es so weit gekommen ist und er die Anklagen akzeptiert. Ich bin enttäuscht, dass es nicht zur Verhandlung kam, denn das hätte uns wichtige Details offenbaren können. Die Ermittlungen müssten noch viel tiefer gehen. Wer sind die Leute, die Armstrong geschützt haben? Sind sie weiter im Radsport? Auch der neutralste Beobachter würde sagen, dass der Radsport unglaublich schlecht geführt wurde.« Walsh hat recht. Armstrong war kein Einzeltäter. Dennoch ragt er heraus. Er ist - Manager wie Johan Bruyneel hin, Funktionäre wie Pat McQuaid her - der Kopf des stinkenden Fisches. Der ist nun vom Rest des Körpers getrennt.

Folgt man den Anklagen der USADA, dann hat Armstrong bereits in der Saison vor seinem ersten Toursieg gedopt. Folgt man Zeugen wie Betsy Andreu, die Armstrong unmittelbar vor seiner Krebsoperation Epo-Doping gegenüber den Anästhesisten zugeben hörte, dann begann die Betrugskarriere noch viel früher. Nach der Krebserkrankung war sie offenbar nur besonders geschickt. Wie hätte sonst aus einem Klassikerfahrer ein Rundfahrer mit ganz anderen körperlichen Eigenschaften werden können?

Dieses Betrugsgebäude ist zusammengebrochen. Wegen Armstrongs Verzicht auf eine Verhandlung bleiben Einzelheiten des Betrugs weiter im Dunkeln. Hatte er besondere Dopingpräparate? War Doping »professionelle Pflicht« in seinen Rennställen? Nahmen Radprofis bei Rennstallwechseln ihr Doping-Knowhow mit? All diese Fragen bleiben ungeklärt. Wie es weiter geht, wird davon entschieden, wie viele noch zwischen dem Antikrebs-Aktivisten und dem dopenden Sportler unterscheiden wollen und Livestrong weiter die Treue halten. Die Krebsstiftung ist alles, was Armstrong bleibt. Die Rückkehr in den Sport ist ihm durch die lebenslange Sperre verwehrt. Eine ganze Ära ist jetzt ausradiert.

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