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Tausende mucken in Rostock auf

Große Demonstration gegen Rassismus in Lichtenhagen / Rufe nach Wiederherstellung des Asylrechts

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 3 Min.

20 Jahre nach dem Pogrom von Lichtenhagen haben dort am Samstag Tausende gegen rassistische Gewalt demonstriert. An der Demonstration, mit der an die pogromartigen Ausschreitungen im Jahr 1992 erinnert wurde, nahmen nach Angaben aus dem Kreis der Organisatoren mehr als 6.000 Menschen teil, die Polizei zählte rund 4.500.

Das Bild wurde von Antifa-Spruchbändern, Fahnen der VVN sowie von Piraten, Grünen und Linkspartei bestimmt. Jochen Thelo von einem der Bündnisse, welche die Proteste organisiert hatten, sprach von einer respektablen Resonanz auf die bundesweiten Aufrufe und wurde in Medien mit den Worten zitiert: „Wir sind zufrieden."

Der kilometerlange Demonstrationszug hatte sich am späten Mittag in Bewegung gesetzt. Viele Teilnehmer trugen Sonnenblumen in Erinnerung an das gleichnamige Haus, in dem vor 20 Jahren rund 150 Menschen, viele von ihnen vietnamesische DDR-Vertragsarbeiter, vor dem Mob um ihr Leben fürchten mussten. „Aufmucken gegen Nazis", war auf einem der Transparente zu lesen. Ein anderes forderte „grenzenlose Solidarität". In Sprechchören wurden die Bewohner am Rande der Demonstration direkt angesprochen.

Trotz eines Großaufgebots der Polizei blieb die Demonstration bis zum frühen Abend ungestört. Ein Sprecher hatte zuvor die starke Präsenz mit einem „Konfliktpotenzial" begründet. Es habe „überhaupt keinen Stress mit der Polizei" gegeben, hieß es am späten Nachmittag aus den Reihen der Demonstranten, offenbar habe da, hieß es mit Blick auf die Beamten, „wer dazugelernt".

Was man von vielen anderen nicht unbedingt sagen kann. Am Samstag erschien in der Frankfurter Allgemeinen ein Kommentar, in dem „der Terror" von 1992 im Nachhinein dafür gelobt wird, „manchen Sozialromantiker zur Besinnung" gebracht und „den Weg für eine gesteuerte Einwanderungspolitik frei" gemacht zu haben. David Begrich vom Magdeburger Verein Miteinander erinnerte am Rande der Demonstration daran, dass Lichtenhagen „die Ouvertüre für ein ganzes Jahrzehnt rechtsextremer Gewalt" gewesen sei, welches nie richtig aufgearbeitet worden ist.

Noch heute werde Rassismus viel zu oft ignoriert. Auch die Vorsitzende des Flüchtlingsrates Mecklenburg-Vorpommern, Ulrike Seemann-Katz, erinnerte an die politischen Folgen der pogromartigen Krawalle von Neonazis und beifallklatschenden Anwohnern. Man erinnere in diesen Tagen „nicht nur an 20 Jahre Ausschreitungen in Lichtenhagen, sondern auch an 20 Jahre Aushöhlung des Grundrechts auf Asyl".

Der Bundesausschuss der Linkspartei, der am Samstag tagte, verabschiedete eine Resolution, in der unter anderem die Wiederherstellung jenes alten Asylrechts gefordert wird. Das war 1992 in unmittelbarer Folge der Angriffe auf das Sonnenblumenhaus de facto abgeschafft worden, die SPD hatte sich seinerzeit noch im August mit der so genannten Petersberger Wende auf die Seite der damaligen Regierungskoalition aus Union und FDP geschlagen. Die Situation von Flüchtlingen war auch am Samstagmittag bei einer Kundgebung vor dem Rostocker Rathaus von mehreren Rednern kritisiert worden. Es sei nicht hinnehmbar, dass diese in der Bundesrepublik immer noch in Heimen und Lagern isoliert würden.

Bei der Aktion, die von etwa 1.500 Menschen besucht wurde, brachten die Initiatoren zudem eine Gedenktafel an, die an den Angriff auf das Sonnenblumenhaus und zugleich an den Holocaust erinnert. Bereits 1992 hatte die Gruppe „Söhne und Töchter der deportierten Juden Frankreichs" um die Aktivistin Beate Klarsfeld eine gleichlautende Tafel dort aufgehängt, die jedoch seinerzeit umgehend wieder entfernt worden war.

Noch heute zieht dieses Gedenkzeichen Kritik auf sich, weil es angeblich eine direkte Linie zwischen Auschwitz und Lichtenhagen ziehe. Am Samstagabend waren eine weitere Kundgebung und ein Konzert geplant. Eine offizielle Gedenkveranstaltung soll es am Sonntag geben, dort wird dann auch Bundespräsident Joachim Gauck erwartet. Bei der „zentralen Gedenkveranstaltung", wie es die Hansestadt Rostock nennt, soll unter anderem ein Baum gepflanzt werden - ausgerechnet eine deutsche Eiche, wie Kritiker aus der Antifa-Szene monieren.

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