Werbung

Die Krise in den Genen?

Der Krisenstab

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Sabine Nuss ist (2.v.r.) ist Politologin bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Sabine Nuss ist (2.v.r.) ist Politologin bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Sehr geehrte Leserinnen, sehr geehrte Leser. Herzlich Willkommen zu dieser Kolumne! Wenn Sie von dieser Stelle an weiterlesen - etwa bis hier -, haben Sie schon mehr Zeichen gelesen als bei Twitter pro Beitrag möglich wären. Sie gehören damit nicht zu den Menschen, die schwere und für Europa folgenreiche Entscheidungen treffen müssen. Sie haben nämlich: Zeit.

Der Mangel an Zeit, so schrieb ein großes, deutsches Wochenmagazin, ist eine Gefährdung der Demokratie. Politiker würden nur noch Tickermeldungen und Mails auf ihren Smartphones lesen - aber keine Akten mehr oder gar Bücher. Es regiere die Hektik in Europa. Die Entscheidung für den Rettungsfonds über 440 Milliarden musste innerhalb eines Wochenendes fallen. Was danach kam - die Griechenland-Hilfen, der Rettungsschirm, die Verfassungsklagen - alles »eine Folge des Zeitdrucks«.

Krisen produzieren Erklärungen der Krise. Diese treiben derzeit Blüten in den Mainstream-Medien. »Zeitmangel« ist nur die harmloseste Variante. Hartnäckig hält sich der Glaube, schuld an der maroden Wirtschaft der Schuldenstaaten sei die Mentalität der Menschen in Griechenland, Italien, Portugal oder ... (setzen Sie ein Land ein, welches gerade in der Krise ist). Der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel sagte der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« in einem Interview, dass der Euro an den mental-kulturell so unterschiedlichen Ländern in Europa scheitere. Nord- oder Südamerika oder Asien, das seien »riesige homogene Blöcke«. Und Europa? Ein »farbiges Krisselkrassel«. Farbiges Krisselkrassel?

Jetzt fehlt noch was zur Erklärung. Das Wetter! Sonne, Wind und Regen, so hört man, formen nicht nur die Landschaft, sondern auch die Mentalität, die kulturellen Unterschiede. Je länger und dunkler nun der Winter, desto solider die Finanzlage eines europäischen Landes, so schreibt einer, der mal Finanzsenator in Berlin war und dann in den Vorstand der Deutschen Bundesbank aufstieg. Wer in der Sonne lebt, macht eher Schulden. Das Wetter - die kulturellen Unterschiede - die Mentalität - das Schuldenmachen - die Krise. Die Kausalitätskette ist perfekt. Fast. Genau wissen wir es wahrscheinlich erst in ein paar Jahren. Denn: Die »wirtschaftswissenschaftliche Genforschung« (»Handelsblatt«) steht noch ganz am Anfang. Zwar haben zwei Gen-Ökonomen in Kalifornien schon mal herausgefunden, dass Menschen mit einer bestimmten Genmutation ein 14 Prozent höheres Risiko für Kreditkartenschulden hätten. Aber die Forscher selbst seien vorsichtig: Man brauche mehr Daten, um auszuschließen, dass der Zusammenhang zwischen Gen und Schulden nicht rein zufällig sei.

Überall sucht der Mainstream nach dem Grund der Krise - überall, nur nicht da, wo sie herkommt: aus der kapitalistischen Produktionsweise. Diese verursacht unvermeidlich und in unregelmäßigen Abständen Krisen - nicht das Wetter, nicht der Zeitmangel, nicht »Krisselkrassel«-Europa und auch keine Genmutation. Dass die kapitalistischen Verhältnisse notorisch aus dem Blick der Krisendeuter geraten, ist kein Zufall. Es hat mit dem zu tun, was Marx »Fetischismus« nannte: Soziale Verhältnisse erscheinen als natürliche. Damit aber werden sie unsichtbar, unveränderbar und unabschaffbar sowieso.

Nicht die Regierenden brauchen Zeit für weitere schwere Entscheidungen. Die Regierten sind es vielmehr, die Zeit bräuchten, um dem Fetischismus den Kampf anzusagen, damit die Verhältnisse dort landen, wo sie hingehören: in der Geschichte. It's capitalism, stupid! Das passt auch in einen Tweet.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Die Serie aus dem studentischem Kosmos.

Leben trotz Studium?!

Jetzt 14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt lesen und keine Folge verpassen.

Kostenlos bestellen!