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Chemotherapie mit 80?

Krebsbehandlung für Ältere berücksichtigt Vorerkrankungen und Lebensumfeld

Mehr als 70 Prozent aller Tumoren werden bei Patienten gefunden, die älter als 60 Jahre sind. Die Behandlung älterer und hochbetagter Menschen stellt die Medizin vor besondere Herausforderungen.

Nach Daten von 1999 gab es bei den über 55-Jährigen 500 Krebsfälle pro 100 000 Männer, bei den über 85-Jährigen waren es schon 3000 Fälle. Der Bedarf an onkologischer Versorgung wächst aber nicht nur auf Grund des wachsenden Durchschnittsalters der Bevölkerung. Der medizinische Fortschritt führt zusätzlich zu höheren Behandlungszahlen, da die Krankheit immer früher erkannt und therapiert wird.

Betagte Patienten aber kämpfen mit besonderen Problemen: Sie sind häufiger als Jüngere minder- oder fehlernährt. Schon ein Gewichtsverlust ist problematisch für die Krebstherapie, da sie ohnehin an den Kräften zehrt. Vorhandene Sehminderungen können die Medikamenteneinnahme behindern, schlechtes Gehör stört die Kommunikation mit den Behandlern, die Aufklärung über Therapie und Überlebensprognose kommt beim Patienten möglicherweise nicht an. Ist der Erkrankte bereits kognitiv eingeschränkt oder zeigt Zeichen einer Demenz, müssen Mediziner immer sicher gehen, dass Entscheidungen wirklich verstanden werden. Hinzu können Dehydrierung und Verschiebungen im Elektrolythaushalt kommen. Gravierenden Einfluss auf die Therapie haben vor dem Beginn der Krebserkrankung eingenommene Medikamente. Hier kommen die bereits vorhandenen Krankheiten ins Spiel: Herz-Kreislauf- und Skelett-Erkrankungen, Demenzen und Depressionen. Letztere bleiben nach der Berliner Altersstudie ab 70 Jahren in mehr als 20 Prozent der Fälle unbehandelt. Bei den Krebspatientinnen treten sie im Alter in bis zu einem Viertel der Fälle auf. Weitere Risikofaktoren sind Schmerzen, Armut, affektive Störungen oder Alkoholmissbrauch.

Noch vor wenigen Jahren trauten sich erfahrene Internisten und Onkologen zu, die Therapiefähigkeit bei Menschen ab 70 Jahren einfach aus ihrer beruflichen Erfahrung heraus zu beurteilen. Inzwischen wird diese Einschätzung immer öfter mit Hilfe der Altersmedizin, der Geriatrie, präzisiert. Spezielle Untersuchungen und Befragungen erfassen die körperliche, psychische und mentale Belastbarkeit sowie soziale Ressourcen. Für den Erfolg der Nachsorge ist es wichtig, ob der Patient allein oder in einer Partnerschaft lebt, ob er kommunikativ oder eher sozial isoliert ist.

Bei einem geriatrischen Assessment mit 212 Patienten im mittleren Alter von 75,9 Jahren wurden bei 29 Kranken mehr als vier Defizite gefunden. Zehn dieser Patienten wurden parallel dazu von einem Onkologen als fit eingeschätzt - und damit in der Lage, sich einer normalen Krebstherapie zu unterziehen. Es kann also durchaus sein, dass die Behandlung individuell stärker angepasst werden muss. So sind die vorhandenen Medikamente mit der Chemo- und Hormontherapie abzugleichen, erfassen muss der Arzt auch pflanzliche Mittel, die Patienten sich oft selbst »verschreiben«. Manche Kranken sind vorzubehandeln, etwa bei Infekten oder einer Dehydrierung. Wie bei jedem Tumorkranken werden Therapien nach der Art des Krebses und dem Stadium ausgewählt. Mediziner halten geriatrische Tests dazu für unverzichtbar und erweiterungsbedürftig.

Noch bleiben ältere Krebspatienten unterversorgt. Belgische Daten zeigen, dass drei Viertel der Frauen mit Brustkrebs unter 40 Jahren eine Chemotherapie erhalten, aber nur vier Prozent der über 80-Jährigen. Das Beispiel der Niederländerin Hendrikje van Andel beweist aber, dass die Krebsbehandlung auch im höheren Alter nutzt. Die Brustkrebsdiagnose bekam van Andel mit 100 Jahren, nach der Therapie lebte sie noch weitere 15 Jahre. Selbst der heute 80-Jährige, der nicht ganz so fit ist wie die Niederländerin es war, hat noch eine statistische Lebenserwartung von 88 Jahren. Das Alter allein ist also kein Grund, von einer Krebstherapie abzusehen.

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