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Kabarett der Kreuzritter

Ein Glücksfall: der ägyptische Medien-Künstler Wael Shawky in den Kunst-Werken

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Jetzt hat die Kunst die Kunst-Werke wieder zurückerobert. Als Reinigungszeremonie des Hauses in der Auguststraße nach der missratenen Symbiose aus Kunst und politischem Aktionismus der Berlin Biennale - herausgekommen war eine Art Occupy Tacheles-Musealisierung - dient ausgerechnet die filmische Reinszenierung der Kreuzzüge durch den ägyptischen Künstler Wael Shawky. Das passt, das ist ganz wirkungsvolles Voodoo. Wegen der Handlungsorte Aleppo und Homs, Kairo, Bagdad und Damaskus erfährt dieser an sich schon ausdrucksstarke Ausflug in die Historie zudem eine zu Beginn des Projekts im Jahre 2010 noch gar nicht erahnbare aktuell-politische Aufladung.

Shawkys üblicherweise auf Großleinwände projizierte Puppenfilmtrilogie »Cabaret Crusades« gehört zu den absoluten Glücksfällen des aktuellen Kunstbetriebs. Verdientermaßen wurde ihm 2011 der Kunstpreis der Schering Stiftung überreicht, zu dem auch diese Präsentation in den Kunst-Werken gehört. Shawky gehörte mit dem ersten Teil dieser Trilogie schon zu den herausragenden Teilnehmern der noch bis zum 16. September gehenden documenta (13) in Kassel. Mit historischen Puppen erzählte er da die Eroberung Jerusalems durch die Kreuzritter und ließ mit epischer Wucht die Brutalität bei der Zerstörung der Stadt auf die Zuschauer prallen. Mit dem zweiten Teil, einem 61 Minuten langen, ebenfalls mit Puppen und Miniaturkulissen gestalteten Film über die Phase zwischen dem Ersten und dem Zweiten Kreuzzug von 1099 bis 1146 ist er nun in Berlin zu Gast.

Er nimmt dabei vor allem die innerarabischen Auseinandersetzungen in den Blick. Leibwächter schleichen mit Säbeln und Krummdolchen durch Paläste und morden mal Tyrannen und mal Herrscher, die wieder anderen Herrschern ein Dorn im Auge waren. Heiraten werden arrangiert, um Bündnisse zu bekräftigen, zuweilen aber auch eigene Kinder, die den Machtbestrebungen im Wege stehen, dem Tode übereignet. Dieses Szenario von Brutalität und Rücksichtslosigkeit wird von Figuren präsentiert, die Gestalt und Physiognomie von Tieren wie von Menschen geborgt haben. Ihnen werden historische Texte - vor allem Sufi-Verse - in die Münder gelegt, die wiederum von Perlenfischern vom Persischen Golf, einem Kinderchor und einem religiösen Rezitator eingesprochen wurden. Diese kunstvolle Form vermag die Grausamkeit etwas zu bändigen. Die Rhythmik von Sprache, Musik und Gesang erzeugt jedoch gleichzeitig ein Drängen, das nach Steigerung, also mehr Blutvergießen, schreit.

Die Nennung der Handlungsorte ruft im Falle von Homs, Aleppo und Damaskus gegenwärtige Nachrichtenbilder vor dem inneren Auge auf. Kairo und Bagdad holen vergangene Hauptschauplätze aus dem Unterbewusstsein hoch. Teheran verweist, weil auch heutzutage Kriegstrommeln unaufhörlich gerührt werden, auf zukünftige Hauptnachrichtenorte. Auch aus dem fernen Franken kommen Erzählungen, in diesem Falle in Form des Rolandslieds - in arabischer Übersetzung (englisch untertitelt). Historisch braute sich dort ein neuer Kreuzzug zusammen. Mit diachronem Blick lässt sich der fränkische Herrscherhof durchaus als ein Washington des Mittelalters wahrnehmen. Weil die Erzählsprache arabisch ist, und wegen der Herkunft der Texte meist auch die Erzählperspektive, offenbart sich zumindest für Europäer ein eher ungewohnter Zugang zu diesen Ereignissen.

Bemerkenswert ist aber auch die Kunstfertigkeit in der Führung der Figuren und im cineastischen Inszenieren ihrer Aktionen. Shawky setzt neue Maßstäbe im Animationsfilm. Mehr als zwei Dutzend der Figuren werden im Obergeschoss der Kunst-Werke in einer Art Walk of Fame präsentiert. Eine weitere Filminstallation reinszeniert im mit einer tiefen Sandschicht bedeckten Untergeschoss der Kunst-Werke einen mit schamanischen Ritualen begleiteten Grabungsversuch. Er reicht bis in die altägyptische Geschichte und stößt damit in eine weitere Tiefendimension vor.

Einziger Grund zur Klage ist, dass der erste Teil der »Cabaret Crusades«-Reihe keinen Platz in der Ausstellung fand. Da muss man eben doch nach Kassel.

Bis 21.10., KW Institute for Contemporary Art, Auguststr. 69

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