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Patienten im Regen

Ärzteverbände drohen mit Urabstimmungen über Praxisschließungen

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Kaum ein Patient dürfte verstehen, was sich dieser Tage zwischen Ärzten und Krankenkassen abspielt. Gestern haben Verbände der niedergelassenen Mediziner Urabstimmungen über Praxisschließungen beschlossen, weil ihnen die Honorarerhöhungen zu gering sind.

Geplatzte Verhandlungen, schrille Töne in der Auseinandersetzung mit den Kassen und drohende Praxisschließungen - die Kassenärzte nutzen alle Mittel, um ihre Position in der Öffentlichkeit plausibel zu machen. Gestern verließen ihre Vertreter der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) in Berlin die Verhandlungen mit dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV). KBV-Vorstand Andreas Köhler kündigte Klage gegen den Schlichterspruch an, der den Kassenärzten für 2013 eine Honoraranhebung um 0,9 Prozent einräumt.

Zu wenig Geld, finden die Mediziner. Noch zu viel, dachten bis vor kurzem die Kassenvertreter, die eine Kürzung der Honorare vorgeschlagen hatten und daraufhin den Schlichterspruch akzeptieren mussten, der eine moderate Erhöhung von 270 Millionen Euro vorsah. Damit erhielte jeder Arzt im Schnitt 1800 Euro mehr Honorar pro Jahr. Gefordert hatte die KBV für die 150 000 niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten, die sie vertritt, 3,5 Milliarden Euro, was ein Plus von rund elf Prozent wäre. Begründet wurde dies mit gestiegenen Praxiskosten und der Inflation. »Honorare für die niedergelassenen Ärzte - das ist ein extrem kompliziertes Gebiet, auf dem sich in Deutschland vielleicht drei Experten auskennen«, erklärte der Vorsitzende des Vereins demokratischer Ärztinnen und Ärzte (VDÄÄ), Prof. Dr. Wulf Dietrich dem »nd«: »Die Honorare sind vor allem eine Frage der innerärztlichen Verteilung. Es ist nicht einzusehen, warum ein Radiologe dreimal so viel verdient wie ein Hausarzt«, so der Ärztefunktionär. »Es ist Sache der Ärztefunktionäre, das zu ändern. Der Ton, in dem sich einige jetzt artikulieren, ist übertrieben.«

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, Martina Bunge, meint: Pauschale Honorarerhöhungen nützen vor allem den ohnehin gut verdienenden Ärzten, benachteiligte haben kaum etwas davon. Bislang sei die Honorarverteilung Abbild der Kräfteverhältnisse in der ärztlichen Selbstverwaltung statt Ergebnis gerechter, vernünftiger Honorarverteilung im Sinne einer guten Versorgung. Die Ärzte sollten ihre Interessen und die der Patienten endlich auseinanderhalten. Das Patienteninteresse ist vor allem eine gute Versorgung und nicht die Honorarerhöhung der Ärzte.

Martin Grauduszus, Präsident der Freien Ärzteschaft, sagte, die haus- und fachärztliche Versorgung in der Nähe der Patienten stehe auf dem Spiel und »wird momentan zerstört«, Kollegen hätten bereits Praxen aufgeben müssen. Die Krankenkassen ließen ihre Versicherten im Regen stehen. Nach Ansicht der Ärzte bedeute die geplante Honorarerhöhung einen Einkommensverlust in Höhe von zehn Prozent: Die ambulante Versorgung sei gefährdet. Klaus Reinhardt vom Hartmannbund kündigte Urabstimmungen über Praxisschließungen an. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) beschuldigte gegenüber der »Bild«-Zeitung die Kassen, mit ihren überzogenen Kürzungsforderungen den Unmut der Ärzte erzeugt zu haben.

Ulrike Elsner vom Verband der Ersatzkassen warnte die Ärzte, Honorarforderungen auf dem Rücken der Patienten auszutragen. »Nicht die Krankenkassen diskriminieren den Arztberuf, sondern das machen die Funktionäre durch überzogene Forderungen, unsachliche Argumente sowie Streikaufrufe.« Seit zwei Jahren profitierten Ärzte von Honorarsteigerungen in Milliardenhöhe. Forderungen, die erneut zu 3,5 Milliarden Euro Honorarplus führten, seien dem Beitragszahler nicht zu erklären.

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