Der Parkplatz muss weg!

Streit um Pläne für Jenas Stadtzentrum

In der vergangenen Woche ging in Jena eine Bürgerbefragung zur Umgestaltung des Stadtzentrums zu Ende. Das zukünftige Stadtbild entzweit demnach die Bewohner der Stadt in Thüringen. Einig ist man sich nur in einer Sache: Der Parkplatz muss weg!

Wer Jenas Stadtzentrum betritt, bleibt meist nicht lange. An einer Ecke tummeln sich ein paar Katzen um eine verschmutzte kleine Sandkiste. Schräg gegenüber versammeln sich an einer morschen Döner-Bude Jugendliche um die verblieben Bierreste. Dazwischen erstrecken sich 15 000 Quadratmeter Asphalt - sonst nichts. Jenas Stadtzentrum - der Eichplatz - ist ein Parkplatz. Nach 20-jähriger Planung soll hier ein »Jahrhundertprojekt« entstehen, sagt Oberbürgermeister Albrecht Schröter. Einen »städtebaulichen Albtraum« befürchten seine Kritiker. Denn als Favorit für den Bau gilt der Hamburger Investor ECE.

Fehlende Transparenz

ECE ist nicht nur der größte Betreiber von Einkaufszentren in Deutschland, sondern auch der Umstrittenste. Ob in Siegburg, Mainz oder Hameln: Vielerorts, wo ECE mit einem seiner 137 »Impulsgeber für Einzelhandel und Stadtentwicklung« - wie das Unternehmen seine Einkaufszentren nennt - auftauchte, entstanden Bürgerinitiativen.

In Jena ist Kirsten Limbecker eine der Sprecherinnen der Bürgerinitiative »Mein Eichplatz«. Sie kritisiert fehlende Transparenz bei der Planung und, dass noch mehr kommunales Eigentum in die Hand privater Investoren überführt wird. Wenn sie redet, merkt man ihr an, wie viel Zeit sie mit Kommunalpolitikern verbringt. Von fehlender »Besonnung« und »nicht vorhandenem Kulturraum« spricht sie dann und fordert vor allem eines: Bürgerbeteiligung. Dass es in Jena nun zumindest eine repräsentative Befragung der Bevölkerung gab, ist auch ihr Erfolg.

In diesen Tagen veröffentlichte die beauftragte Fachhochschule das Ergebnis: 47,6 Prozent der 15 000 Befragten stehen demnach dem ECE-Konzept positiv gegenüber, 40 Prozent der Bürger lehnen es ab. Die Hamburger Dozentin für Metropolenentwicklung Monika Walter hat die Folgen von Einkaufszentren für ihr Umfeld untersucht. Ihr Ergebnis: Fußgängerzonen verlieren an Attraktivität. Gewinner seien Handy-Läden und Ramsch-Ketten.

Wenn Monika Walter Recht hat, zählen Geschäfte wie das von Gudrun Böhme zu den Verlierern der Bebauung - Geschäfte deren richtigen Namen kaum einer kennt, weil man seit 20 Jahren eben einfach zu »Bohls«, »Kinzels« oder eben »Böhmes« geht. Auf dem Eichplatz mit seinen 15 000 Quadratmetern »zusätzlicher Verkaufsfläche« hätten 40 000 von ihren Grabgebinden Platz, scherzt sie. Doch ihren Blumenladen wird sie bald schließen: Aus Altergründen und weil der Blumendiscounter schon jetzt da ist.

»ECE hat positiv überrascht«, findet hingegen der SPD-Stadtrat Lutz Liebscher. Tatsächlich sieht der Entwurf von ECE nicht aus wie ein typisches abgeschlossenes Einkaufszentrum: Auf jedem zweiten Quadratmeter soll gewohnt statt gekauft werden, die Dächer will man bepflanzen. Das »Geschrei von ›Mein Eichplatz‹« interessiert Liebscher nicht: »Dämonisierung und Tabuisierung« seien das, die »nichts Konstruktives« beitrügen.

Liebschers Parteifreund und Oberbürgermeister Schröter war einst der Initiative »Mein Eichplatz« öffentlichkeitswirksam beigetreten. Gesehen hat man ihn dort aber dann nie wieder. Stattdessen vermitteln immer mehr Vorfälle den Eindruck, dass eine Beteiligung der Bürger jenseits unverbindlicher Befragungen nicht erwünscht ist: Ein Bürgerbegehren wurde abgelehnt. Ein Stadtrat muss sich die Einsicht in die relevanten Akten einklagen. Einem Lokaljournalisten wurde untersagt, von einem Treffen mit den Investoren zu berichten. Und dann ist da noch Schröters Mitgliedschaft in einer Stiftung zur Stadtentwicklung - gegründet ausgerechnet von ECE.

»Ein Brunnen wäre schön«

»Verarscht« fühlt sich auch Sonja Kinzel. In ihrem Geschäft riecht man die Zeit noch, in der Tee und Gewürze nicht etwas waren, was »man im Pfennigladen noch schnell aufs Laufband legt«. Der Junge werde den Laden übernehmen, hofft sie, auch wenn der Umsatz zusammenbrechen werde. Und: »Ein Brunnen auf dem Platz wäre schön.« An einem solchen saß sie schon als Kind, bis er Ende der 60er abgerissen wurde und dem Parkplatz weichen musste. Ansonsten könne der Parkplatz bleiben wie er ist: »So hässlich ist der doch gar nicht.«

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