Beleidigter Verband

Will der Deutsche Fußball-Bund den 1. FC Union Berlin mit Kleinlichkeit auf Linie bringen?

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 3 Min.

Zweimal ist dem Deutschen Fußball-Bund DFB einmal zu viel. Fans des 1. FC Union Berlin hatten am vergangenen Zweitligaspieltag im Derby gegen Hertha BSC unübersehbar ihre Haltung gegenüber dem Verband deutlich gemacht. Mit demselben Plakat wie schon im März, beim Heimspiel in der vergangenen Saison gegen Eintracht Frankfurt. Dazwischen liegt knapp ein halbes Jahr, in dem sich die Stimmung rund um den Fußball in Deutschland verändert hat.

Obwohl es in der vergangenen Spielzeit »weniger sicherheitsrelevante Vorfälle« als in den Jahren zuvor gegeben hat, wie der DFB gegenüber »nd« verdeutlichte, sind die Diskussionen in der Öffentlichkeit brisanter denn je. Politiker fordern Gesichtsscanner, lebenslange Stadionverbote oder drohen mit der Abschaffung von Stehplätzen. Das Thema Gewalt im Fußball bietet Raum, um sich zu profilieren, und findet kaum Platz, differenziert betrachtet zu werden.

Im März sah der Kontrollausschuss des DFB noch keine Veranlassung, eine Stellungnahme des 1. FC Union Berlin zu fordern. Der Vereins wurde lediglich schriftlich ermahnt. Jetzt aber muss sich der Zweitligist aus Köpenick äußern. Es droht eine Verhandlung vor dem DFB-Sportgericht. Direkt nach dem Spiel gegen Hertha BSC entschuldigte sich der Klub auf seiner Internetseite: »Das Präsidium des 1. FC Union Berlin verurteilt dieses Transparent und entschuldigt sich offiziell beim DFB für diesen Vorfall.« Zuvor war das noch nicht nötig gewesen.

Von der Partie im März hatte der DFB die Gästefans ausgeschlossen. Mit Hilfe von Berliner Anhängern schafften es dennoch rund tausend Frankfurter ins Stadion. Am Spieltag des Derbys gegen Hertha BSC ließ die Deutsche Fußball Liga alle Kapitäne der gastgebenden Erst- und Zweitligisten eine Erklärung verlesen. Auch Unions Kapitän Torsten Mattuschka wandte sich gegen Rassismus und Gewalt, das umstrittene Thema Pyrotechnik sparte er aber aus. Und nicht zuletzt boykottierte der Köpenicker Klub als einziger von 54 deutschen Profivereinen den vom DFB anberaumten Sicherheitsgipfel im Juli.

Einen Zusammenhang zwischen diesen Begebenheiten und einer im aktuellen Fall neuen, härteren Vorgehensweise des DFB streiten sowohl der Verein als auch der Verband ab. Auf Nachfrage konnte dies der DFB allerdings nicht entkräften. Exemplarisch verwies er zwar auf ein Urteil des Sportgerichts vom November 2010, nach dem Eintracht Frankfurt 20 000 Euro Strafe zahlen musste. Allerdings für ein Transparent der Fans mit der Aufschrift »Bomben auf Dresden« sowie für Leuchtraketen und Rauchbomben, die bei einem Heimspiel aus dem Gästeblock kamen.

Zum einen handelte es sich um ein so genanntes summarisches Verfahren. In dieser bisher gängigen Praxis werden mehrere Vorfälle zusammen angeklagt und bestraft. Außerdem haben Hintergrund und Schärfe des Frankfurter Plakats eine andere Dimension. Und es beleidigte nicht den DFB.

Die Entschuldigung Unions ist richtig. Besonders in der Wortwahl: »Wir haben uns in den vergangenen Wochen sehr stark für einen Dialog auf Augenhöhe zwischen Verbänden, Vereinen und Fans eingesetzt. Voraussetzung für jeden Dialog ist gegenseitiger Respekt.« Statt schmollend die Kraft des längeren Hebels zu nutzen und die Fronten weiter zu verhärten, sollte der DFB vielleicht ein wenig mehr Souveränität zeigen.

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