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Gegen Spießerfeminismus und die Frau als fixe Idee

Katharina Rutschky: Ihre Essays sind geradlinig in der Argumentation und stilistisch brillant

Sie war eine glänzende Essayistin, die eines nicht mochte: das Schreiben. So berichtet es Ina Hartwig im Vorwort zu dem posthum erschienenen Buch »Im Gegenteil«, das »politisch unkorrekte Ansichten über Frauen« von Katharina Rutschky enthält. Der Band zeigt nachdrücklich, welch großartige Essayistin die 1941 in Berlin geborene und 2010 daselbst gestorbene Autorin war. Dass sie das Schreiben nicht gemocht hat, ist ihren Texten nicht anzumerken. Vielleicht ging es ihr wie Thomas Mann, der Schriftsteller in einem Bonmot Menschen nannte, denen das Schreiben besonders schwer falle. Essayistische Leichtigkeit ist eben nur schwer zu erreichen.

Sie war eine engagierte Kämpferin, die, so konnte man es in den zahlreichen Nachrufen lesen, gern stritt und diskutierte, auch auf die Gefahr hin, deshalb nicht gemocht zu werden. Genau so ist sie in ihren Texten zu erleben: geradlinig in der Argumentation und stilistisch brillant. Auch jene Essays sind von großer Aktualität, die bereits vor Jahrzehnten entstanden sind.

Katharina Rutschkys Hauptthemen waren die Pädagogik und ihre Geschichte (sie prägte den Begriff der »schwarzen Pädagogik«) sowie der Feminismus. Das war auch eine Folge der 68er Bewegung, die sie als Studentin in Frankfurt am Main erlebte. Deren Erfolge hat sie bis zuletzt verteidigt. In einem Beitrag über Alice Schwarzer - deren »Vulgärfeminismus« und »Spießerfeminismus« ihr ein Gräuel waren - notierte Katharina Rutschky 2007, dass der »Zeitgeist von '68« in Westdeutschland drei Projekten sehr günstig war: der Bildungsreform, der Liberalisierung sexueller Sitten und der Emanzipation der Mädchen und Frauen.

Die deutsche Frauenbewegung beobachtete sie, so wird der Text »Feminismus als Import- und Exportartikel« (1996) eingeleitet, aus kritischer, aber auch engagierter Distanz. Doch der real existierende Feminismus der Bundesrepublik kam Rutschky, so heißt es in »Viel Lärm um fast nichts« 1997, »seit den achtziger Jahren immer verdächtiger, immer kritikwürdiger vor«.

Auch den politischen Aktionismus der Bürokratie, welcher der Frau Chancengleichheit bieten sollte, sah Rutschky kritisch. Ob Frauenbeauftragte oder Frauenquote: »Der Feminismus von Staats wegen hat die Frauenbewegung abgelöst.« Dafür wurde sie scharf attackiert; auch von jenen, denen sie eine Stimme verschaffen wollte, ohne sich auf »Emma«-Niveau zu begeben. Rutschky selbst plädierte für einen »libertären Individualismus«, von dem sie aus eigener Erfahrung wusste, so Ina Hartwig, wie schwierig er, auch heute, in die Tat umzusetzen ist.

Rutschkys Frauen-Themen waren überaus vielfältig. So legte sie 1991 in einem Text für die Zeitschrift »Merkur« die Gründe dar, die verhinderten, dass »die Mode so ernst genommen wird, wie sie es eigentlich verdiente«. Mit dem Modekonsum, so Katharina Rutschky, kompensieren Frauen nicht »ihren minderen Status«, wie noch der Philosoph Georg Simmel nach 1900 meinte. Die Mode rebelliere vielmehr gegen »die Frau als fixe Idee«.

Auch intellektuelle Frauen und eine Hausfrau würdigt Rutschky hier kritisch. So gratulierte sie Margarete Mitscherlich zum 90. Geburtstag und erinnerte mit einem Essay auch an den 100. Geburtstag von Simone de Beauvoir sowie an den 500. Katharina von Boras. Luthers »Herr Käthe« war für Rutschky die »große Hausfrau des Reformationsgeschehens«. Allesamt bedeutende Frauen übrigens, mit denen die Berliner Publizistin nicht wenig gemeinsam hatte. Katharina Rutschkys Essays sind eine ermutigende Lektüre für Leser beiderlei Geschlechts.

Katharina Rutschky: Im Gegenteil. Politisch unkorrekte Ansichten über Frauen. Verlag Klaus Wagenbach. 142 S., brosch, 10,90 €.

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