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Abschied von den Vätern

Ulla Lenze: »Der kleine Rest des Todes«

Wenn ich hinfiel und mir wehtat«, so erinnert sich Ariane, die Ich-Erzählerin des Buches, an Augenblicke ihrer Kindheit, »war der Schmerz alles in jenem Moment«. Aber: »Wenn etwas alles ist, ist es nichts.« Und nun - der Schmerz im Angesicht des tödlichen Unfalls ihres Vaters, den Ariane mit allen Sinnen durchleidet. Die äußerst schwierige Rekonstruktion der rätselhaften Umstände seines Todes markiert die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten. Mit seinem Tod, so spürt man im Laufe der Lektüre, steht zugleich das ganze Leben dieses Mannes auf dem Prüfstand; wird der einstmals Vertraute zu einem Anderen, etwas Nicht-Festgestelltem. Nicht festgestellt auch die innige, aber gleichwohl wechselvolle Beziehung, die Ariane zeit ihres Lebens zu ihrem Vater hatte. Alle Koordinaten - und mit ihnen der Raum als ganzer - sind neu zu bestimmen.

Arianes Trauer ist kein Schmerz in einer ansonsten heilen Welt; es ist zum Welt-Schmerz - zum »Leiden am Leiden« - ausblühende Verzweiflung, die einen kleinen Rest Leben in sich birgt. Es ist dieser kleine Rest Leben, der das wahre Ausmaß von Verlust und Schmerz erahnen lässt. Und zugleich für Klarheit sorgt.

Um Verlust, um Verloren- und Verlassen-Sein geht es in diesem Buch und um die (scheinbar) zur Disposition stehende eigene Identität; die Frage danach angetrieben durch die Wunde Kindheit - ein ebenso Nicht-Festgestelltes. Und da ist etwas, das Ariane (gerade Anfang Dreißig) zu lähmen scheint, das sie hindert, ihre Dissertation - über die »Negation bei Hegel, Adorno und im Zen-Buddhismus« - zu Ende zu bringen und das sie ihr Leben »in gesellschaftlich abgeschalteten Räumen« leben lässt; im halbherzigen Versuch, sich der »Ichlosigkeit« einer buddhistischen Lebensweise zu überantworten. Dass Ariane in dieser Bewegung des Immer-Weniger-Werdens der Welt abhanden zu kommen droht, ist nicht Ausdruck von Selbstgenügsamkeit oder bloßes Verweigern der Übernahme gesellschaftlich zugeschriebener Rollen. Es ist der - letztlich in dieser Gesellschaft unerfüllbare - Wunsch nach dem Ende der Entfremdung und jenes übergriffigen »Verrechnungszwangs«, der in allem möglichste Effizienz diktiert.

Das Großartige und Berührende an diesem Buch mit seiner Hauptfigur, voller innerer Widersprüche, treibend und wühlend zwischen Regression und Aufbruch, ist vielleicht dies: dass es zeigt oder immerhin erahnen lässt, von welch ungeheuerlicher vitaler, letztlich dem Leben zugewandter Kraft diese alle Momente ihres Seins ergreifende Trauer ist, die Ariane auf sich nimmt. - Gerade durch die zur Sprache werdenden Erfahrungen existenzieller Haltlosigkeit hindurch. Ein Buch auch über die Befreiung einer jungen Frau aus nicht gelingenden Beziehungen, aus dem engen Bezugssystem der »Väter«, seien die nun Pater Joseph (ein buddhistischer Mönch im fernen Indien), Leander (ihr Geliebter), Arndt (ihr Ex-Freund), ihr Doktorvater oder gar Hegel selbst. »Wenn etwas alles ist, ist es nichts. Hegel, Pater Joseph oder Arndt. Einer von denen, vielleicht aber auch keiner, vielleicht ist es von mir.«

Ulla Lenze: Der kleine Rest des Todes. Frankfurter Verlagsanstalt. 156 S., geb., 18,90 €.

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