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Hunderte Tote bei Fabrikbränden

Fehlende Sicherheitsvorkehrungen verursachen Katastrophen in Pakistan

Eine Fabrik wie ein Knast: fehlende Fluchtwege, vergitterte Fenster, kaputte Feuerlöscher. Ein Hauptabnehmer der abgebrannten Textilfirma in Karachi war zumindest früher der deutsche Textildiscounter »KiK«.

Die Bilder am Mittwoch, dem Tag nach der Katastrophe, zeigen schwarze Rauch- und Brandspuren über den Fenstern und Lüftungsschächten des fünfstöckigen Gebäudes. Der Ort: die Baldia Town am westlichen Rand der südpakistanischen Handels- und Hafenmetropole Karachi. Dieses quadratische, trostlos und baufällig wirkende Gebäude war bis gestern eine Fabrik, in der Arbeiter und Arbeiterinnen im Dreischichtbetrieb Kleidung und Plastikteile produzierten. 289 von ihnen sind in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch erstickt oder verbrannt. Rund 100 weitere haben sich schwer verletzt beim Versuch, sich mit einem Sprung aus den Fenstern vor dem Inferno zu retten. Die Brandursache ist noch unklar. Es handelt sich um eine der schlimmsten Industriekatastrophen in der 65-jährigen Geschichte Pakistans.

Beim Feuer in einer Schuhfabrik im pakistanischen Lahore nur wenige Stunden zuvor, bei dem 25 Arbeiter starben, wird ein defekter Stromgenerator als Quelle des Feuers vermutet.

Die Ausmaße des Brandes in Baldia, der nach Angaben von pakistanischen Journalisten nach zehn Stunden noch immer nicht gelöscht war, scheinen dagegen erklärlich: In verschiedenen Medien war von einem verschlossenen Tor, fehlenden Notausgängen, vergitterten Fenstern und nicht funktionierenden Feuerlöschern zu lesen. Als die Feuerwehr den völlig ausgebrannten Keller des Gebäudes erreichte, entdeckte sie dort die Leichen von Dutzenden Arbeitern. Der Feuerwehrchef von Karachi, Salim Ehtisham, sagte zu Journalisten, die meisten Opfer seien vermutlich erstickt und später bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Ein anderer Feuerwehrmann vor Ort sagte, die meisten Arbeiter seien gestorben, weil der Hauptausgang blockiert war. Während nach Augenzeugenberichten viele Beschäftigte die Gitter aus den Fenstern brachen und sich mit Sprüngen aus den oberen Stockwerken retten konnten, berichtete ein AP-Reporter von einem verkohlten Leichnam, der aus einem der vergitterten Fenster hing. Nach Feuerwehrangaben sei es leichter gewesen, die Mauern einzuschlagen als durch die Fenster zu den Eingeschlossenen zu gelangen.

Ein offizieller Vertreter Karachis, Roshan Ali Sheikh, sagte, die Zahl der Toten könne sich noch erhöhen, weil die Feuerwehr am Mittwochnachmittag ihre Suche im Gebäude noch nicht abgeschlossen hatte. Gegen den Unternehmer wurden Ermittlungen wegen Fahrlässigkeit eingeleitet, und ihm wurde untersagt, das Land zu verlassen, sagte Sheikh.

Dass das Gebäude überhaupt als Fabrik genehmigt wurde, sagt auch viel aus über die Bedingungen in der Region. Immer wieder errichten Unternehmer illegale Fabriken in dicht besiedelten Gebieten. Korruption von Beamten ist an der Tagesordnung. Die Textilbranche ist einer der größten Industriezweige Pakistans. Während 2011 eine Exportsteigerung von Textilien um 35 Prozent vermeldet wurde, sanken die Exporte im ersten Halbjahr 2012 um zehn Prozent.

Die Niederlassung von »Ali Enterprises«, in der das verheerende Feuer wütete, hatte nach Angaben der Website »TradeTag.com« den deutschen Textildiscounter »KiK« als einen Hauptabnehmer. Wie aktuell die Information ist, ließ sich indes nicht überprüfen. Auf nd-Anfrage sagte eine »KiK«-Sprecherin, man recherchiere, ob »Ali Enterprises« noch für »KiK« arbeite. Diese Recherchen dauerten bei Redaktionsschluss noch an.


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