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»Ich muss täglich den Schauspieler geben«

Im Magazin »fluter« spricht ein Bundesligafußballer anonym über seine verdeckte Homosexualität

In der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) standen gestern die Telefone nicht still: Ein Interview im Jugendmagazin der Behörde sorgt für Aufsehen und viele Presseanfragen. Im Magazin »fluter« beschreibt ein schwuler Profifußballer, der namentlich nicht genannt werden möchte, seinen Alltag und wie er seine Homosexualität zu verbergen sucht.

»Ein Mann, den es eigentlich nicht gibt«, so ist das Interview überschrieben, das seit gestern für Aufsehen sorgt. Ein Fußballprofi, der nicht erkannt werden möchte, schildert darin, wie er im Klub seine Homosexualität verbirgt und welche Lebenslüge er für seine sportliche Karriere aushalten muss: »Der Preis für meinen gelebten Traum ist groß. Ich weiß nicht, ob ich den ständigen Druck zwischen dem heterosexuellen Vorzeigespieler und der möglichen Entdeckung noch bis zum Ende meiner Karriere aushalten kann.«

Er müsse »täglich den Schauspieler geben«, so der Fußballer. Eine Partnerschaft sei bereits an dem ewigen Versteckspiel zerbrochen. Für manche Anlässe im Fußballgeschäft sei weibliche Begleitung unerlässlich, egal ob das nun eine bezahlte Hostess oder eine gute Freundin sei: »Das machen alle so. Nur bezahlen musste ich nie - schließlich habe ich als richtiger Schwuler auch beste Freundinnen.«

Nach unterschiedlichen Schätzungen sind zwischen fünf und zehn Prozent der Weltbevölkerung homosexuell: Von den knapp 1500 männlichen Fußballern in den ersten drei Ligen sind es demnach bis zu 150. Doch bisher hat noch kein Aktiver ein Coming Out gewagt. Allein der ehemalige Zweitligaprofi Marcus Urban gab sich nach einer kurzen Karriere als Schwuler zu erkennen. Wie schwer es für ihn in der auf Männlichkeit fixierten Fußballwelt war, ist im Buch »Versteckspieler« nachzulesen: Autor ist der Berliner Sportjournalist Ronny Blaschke, der auch für diese Zeitung schreibt.

Der im »fluter« befragte Fußballer kann sich ein Outing nicht vorstellen: »In der Situation im Stadion oder nach dem Spiel wird jeder kleine Anlass in der Gruppe zu einer ganz großen Angelegenheit. Ich wäre nicht mehr sicher, wenn meine Sexualität an die Öffentlichkeit käme.«

Tanja Walther-Ahrens, Bildungsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes, sieht das anders: »Ich glaube, dass ein Outing möglich wäre. Warum denn nicht? Man müsste sich aber gründlich darauf vorbereiten. Kein Schwuler, keine Lesbe offenbart sich zuerst im beruflichen Umfeld. Damit fängt man im vertrauten Rahmen an: Im Freundeskreis, im Familienkreis, und zum Schluss im Beruf. Selbst das folgende mediale Tohuwabohu sollte mit dem Rückhalt von Familie und Freunden auszuhalten sein.« Die Sportwissenschaftlerin, die auch im europäischen Verband »European Gay & Lesbian Sport Federation« engagiert ist, kann sich auch ein gemeinsames Outing von mehreren homosexuellen Fußballern gut vorstellen: »Am besten aus jedem Verein einer, dann sollte auch von den gegnerischen Fans nichts zu befürchten sein. Vielleicht so wie damals im ›Stern‹, in dem Frauen offenbarten: ›Wir haben abgetrieben!‹«

Bei der Bundeszentrale für politische Bildung, deren Publikationen gemeinhin nicht für journalistische Scoops berühmt sind, herrschte gestern Zufriedenheit: »Wir freuen uns über die lebhaften Diskussionen, die das Gespräch zum Thema Homosexualität und Fußball auf fluter.de und auch in vielen Fanforen ausgelöst hat«, sagte bpb-Sprecher Daniel Kraft.

Im Internet wurden im Laufe des Tages Fälschungsvorwürfe erhoben, doch die Behörde versicherte umgehend, der 25-jährige Interviewer Adrian Bechtold sei ohne Zweifel ein zuverlässiger freier Journalist. Es liege außerdem eine schriftliche Bestätigung des Autors vor, dass das Interview stattgefunden habe.

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