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Dunkle Wolken im Gemüt

Beim 2:1 der DFB-Elf in Wien zeigt Gegner Österreich dennoch die Schwachstellen auf

  • Von Frank Hellmann, Wien
  • Lesedauer: 4 Min.

Immerhin: Hohn und Spott der wartenden Meute sind dem deutschen Fußball in seiner Gänze erspart geblieben. Es ging längst auf Mitternacht zu, als besonders die deutsche Prominenz unter den 2500 VIP-Gästen beim Verlassen des Ernst-Happel-Stadions mit Sprechchören auf den Heimweg geschickt wurde. Der Mannschaftsbus der deutschen Nationalmannschaft befand sich zu diesem Zeitpunkt schon auf seiner kurzen Fahrt zur Luxusunterkunft am Donaukanal, wo geräumige Suiten auf die Sieger warteten. Wahlweise hatten die Delegationsmitglieder des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) hier einen unverstellten Blick auf Stephansdom oder Riesenrad, doch tatsächlich wirkt der Ausblick nach einer irritierend angelaufenen Länderspielsaison ein wenig diffus.

Die dunklen Wolken, die sich bei der gestrigen Abreise vom Flughafen Wien-Schwechat über die österreichische Hauptstadt legten, gaben auch die Gemütslage von Joachim Löw wieder, der die Umstände des 2:1-Zittersieges nicht beschönigen wollte. »In manchen Situationen hatten wir auch Glück. Österreich hätte vielleicht das 2:2 erzielen müssen.«

Der Bundestrainer wirkte hernach höchst aufgewühlt und angespannt. Wie ausrechenbar ist sein Ensemble geworden, wenn schon ein Widerpart wie Österreich die Schwachstellen so bloßlegt? Der 52-Jährige ahnt längst, dass der »Langstreckenwettbewerb WM-Qualifikation« mutmaßlich etwas mühseliger werden könnte als der ohne Fehl und Tadel erledigte Durchmarsch zur Endrunde der Europameisterschaft. Was zum einen an der gestiegenen Qualität der Gegner liegen könnte, aber auch an dem schleichenden Werteverlust durch das verlorene EM-Halbfinale gegen Italien. Es scheint, als wirke bis heute eine imaginäre Unsicherheit nach - und noch immer sind die Folgen nicht vollständig aufgearbeitet.

Dass sich der vor dem Turnier in Polen und der Ukraine an einem schweren Hörsturz erkrankte DFB-Chefscout Urs Siegenthaler nun in einem Interview auf der Verbandshomepage zu Wort meldete, ist deshalb bemerkenswert, weil er nicht nur darauf verwies, auch die nächsten Gegner Irland (12. Oktober) und Schweden (16. Oktober) wertzuschätzen, sondern nebenbei anmerkte, das EM-Ausscheiden hätte mutmaßlich mit seiner Anwesenheit vermieden werden können. Das lässt tief blicken. Offenbar braucht der Bundestrainer gute Berater - und der Schweizer Taktiktüftler hätte womöglich das Regulativ gegeben, um Deutschlands obersten Fußballlehrer von seiner fatal fehlgeschlagenen Idee mit den drei defensiven Mittelfeldspielern abzuhalten.

Auch der Kraftakt am Dienstagabend im Wiener Prater wird trotz des 24. Sieges im 38. Nachbarduell nicht als taktische Meisterleistung in die Annalen eingehen. Eher feierte der deutsche Effizienzfußball wieder einen Erfolg. Es sei ihm lieber, erklärte Rechtsaußen Thomas Müller, »dass wir mit viel Arbeit gegen einen sehr guten Gegner gewinnen, als mit zehn Übersteigern zu verlieren«. Doch ist das der deutsche Anspruch? Umfänglich hatte Löw vorher über eine forsche Spielweise verbunden mit dem Wunsch nach aggressivem Pressing in der Theorie fabuliert, doch in der Praxis führte der Kollege Marcel Koller vor, wie so etwas aussehen kann. »Wir wollten nur phasenweise Pressing praktizieren«, räumte Löw später kleinlaut ein, »eine Woche reicht nicht, um diese Spielweise zu beherrschen, das wird Monate dauern.« Auch Sturmführer Miroslav Klose hatte registriert, wie unrund das deutsche Spiel läuft: »Der Trainer hat jetzt vier Wochen Zeit, sich das alles anzusehen.«

Der Bundestrainer übte hernach deutliche Kritik an den Nachlässigkeiten nach der 2:0-Führung durch Tore von Marco Reus (44. Minute) und Mesut Özil (52./Elfmeter): »Wir müssen so ein Spiel dann anders kontrollieren und dominieren.« Bestätigt wurde Löw in seiner schon häufig geäußerten Ansicht, dass der deutsche Fußball unter einem Mangel an befähigten Außenverteidigern leide. Marcel Schmelzer lieferte auf der internationalen Bühne abermals nur ein Zeugnis taktischer und technischer Unzulänglichkeiten ab und bildete im Verbund mit dem schwächelnden Kapitän Philipp Lahm eine Sollbruchstelle. »Diesen Fehler darf man nicht begehen«, rüffelte Löw den Dortmunder für sein Verhalten vor dem 1:2-Anschlusstreffer durch Zlatko Junuzovic, »normalerweise gibt es da kein Durchkommen.« Der Vertrauensentzug droht dem 24-Jährigen noch nicht, denn: »Wir haben links nicht so viele Alternativen und werden weiter mit Marcel Schmelzer arbeiten und hoffen, dass er sich weiterentwickelt.« Vertrauenerweckend klang auch das nicht wirklich.

Österreich - Deutschland 1:2 (0:1)

Österreich: Almer - Garics, Prödl, Pogatetz, Fuchs - Baumgartlinger (85. Janko), Kavlak - Arnautovic, Junuzovic, Ivanschitz (75. Jantscher) - Harnik (55. Burgstaller).

Deutschland: Neuer - Lahm, Hummels, Badstuber, Schmelzer - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Reus (46. Götze) - Klose (75. Podolski).

Tore: 0:1 Reus (44.), 0:2 Özil (52., Foulelfmeter), 1:2 Junuzovic (57.). Schiedsrichter: Kuipers (Niederlande). Zuschauer: 47 000 (ausverkauft).

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