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Als Scharon auf Zeit spielte

Neuer Report erschien zum Jahrestag der Massaker in Sabra und Schatila

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 3 Min.
In Libanon verloren Hunderte ihr Leben, und in Israel wurde die Friedensbewegung geboren: Vor 30 Jahren verübten christliche Milizen unter den Augen der israelischen Armee in den Flüchtlingslagern Sabra und Schatila Massaker an den Einwohnern. Die Aufarbeitung dauert bis heute an; die Schuldigen werden wohl nie zur Rechenschaft gezogen.

Der Bericht wurde pünktlich zwei Tage vor dem 30. Jahrestag geschickt. Der Absender: Israels Armee. In dem dicken Werk hat eine Gruppe von Militärhistorikern aufgearbeitet, was während des ersten Libanon-Krieges schief gelaufen ist. Das Fazit: schlicht alles. Die Handlungen von Militärführung und Politik hätten nicht den selbst gesteckten Zielen und Ansprüchen an den Feldzug entsprochen, der damals in Israel den Titel »Frieden für Galiläa« trug. Und außerdem sind die Verfasser überzeugt: »Sabra und Schatila hätten verhindert werden können.«

Ist es Zufall, dass das Militär genau 30 Jahre später einen solchen Bericht veröffentlicht? »Ich denke nicht«, sagt ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums in Tel Aviv: »Solche Kommissionen werden nicht gebildet, um Geschichtsbücher zu schreiben. Es besteht ein ziemlich großes Interesse daran, mal wieder auf die Fallstricke hinzuweisen.«

Unterdessen plant die Regierung bereits den nächsten Krieg. Dieses Mal gegen Iran und gegen den Rat von Militär und Geheimdiensten, die vor den unkontrollierbaren Folgen der militärischen Option warnen.

Die Folgen sind möglicherweise die gleichen wie vor 30 Jahren: Im Juni 1982, damals war Ariel Scharon Verteidigungsminister, marschierte das Militär in Libanon ein - ein Feldzug, in dessen Verlauf sich die Armee mit christlichen Milizen, sogenannten Phalangisten, verbündete und irgendwann vor Beirut stand. Am 15. September hatten israelische Truppen die palästinensischen Flüchtlingslager Sabra und Schatila umstellt, während um die 150 Phalangisten in die Lager einmarschierten, weil sich dort angeblich 2000 PLO-Kämpfer aufhielten. Die Milizionäre töteten wahllos Menschen.

»Es ist den Truppen, die die Lager umstellt hatten, bereits schnell deutlich geworden, dass sich dort keine große Zahl an Terroristen mehr aufhält«, heißt es in dem Militärbericht. Vehement sei versucht worden, eine klare Handlungsanweisung vom Generalstab zu bekommen. Doch der habe an den Verteidigungsminister verwiesen, der wiederum auf Zeit spielte - aus politischen Gründen, wie der Bericht vermutet: Scharons Plan, so viel ist bereits seit längerer Zeit bekannt, war es, eine Israel gewogene Regierung in Libanon zu installieren. Man habe Hinweise darauf gefunden, dass Scharon auch nach der Ermordung des zum Präsidenten gewählten Phalangisten Baschir Gemayel am Tag zuvor an seinem Plan festhalten und die Milizen nicht habe verärgern wollen. Ihm sei bekannt gewesen, dass die Milizen Rache für Gemayel üben würden.

Die Verbrechen schockierten auch in Israel. Dort war gerade das Farbfernsehen eingeführt worden und ermöglichte es den Menschen, deutlicher als je zuvor die Geschehnisse aufzunehmen. Das Ergebnis war die Geburt der Friedensbewegung, die unter dem Namen »Frieden Jetzt« Hunderttausende auf die Straße brachte.

Auf den öffentlichen Druck hin wurde ein Untersuchungsausschuss gebildet, der am Ende seiner Arbeit empfahl, dass Scharon nie wieder das Amt des Verteidigungsministers ausüben dürfen sollte. Doch Scharon trat erst zurück, nachdem die Demonstrationen zunehmend gewalttätig wurden. Im Jahr 2000 wurde er sogar zum Premierminister gewählt. Weitere Verantwortliche wurden bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen.

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