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Weltruhm und ruhmlose Welt

Die Berliner Schaubühne am Lehniner Platz wird 50 Jahre alt

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Dort, wo der Ku'damm ausläuft ins Biederstädtische vom alten Westberlin. Lehniner Platz. Dort steht sie, ein ehemaliges Großkino, ein Rundbau: die Schaubühne, eines der legendären nachkriegsdeutschen Schauspieltheater. Heute fünfzig.

Entstanden war dieses Theater 1962 in einem Mehrzwecksaal der Kreuzberger Arbeiterwohlfahrt, gefördert durch den zinslosen Kredit eines reichen Gönners. Was unscheinbar beginnt, wird ein Jahrzehnt später, mit der Bildung eines festen Ensembles unter Peter Stein, zum wichtigsten Theater Westberlins, vergleichbar wohl nur mit der Gründung des Berliner Ensembles im Osten der Stadt.

Und es wird, für eine entscheidende Phase, ein Theater, das, zum Beispiel, Brecht nachholt, den westdeutsch Geschmähten, Verbotenen, antikommunistisch Verleumdeten. Diese Schaubühne, im Aufwind der 68er: radikale, marxistische Bewusstseinsschulung, große Lust an Agitation und neuen Formen demokratisch verfasster Arbeitsbedingungen. Man spielt Brechts »Mutter«. Ein Duell lebenslanger Gefährtinnen und Konkurrentinnen. Am BE spielt Helene Weigel, in Westberlin Therese Giehse.

Im Zusammenhang mit der Inszenierung will der CDU-Senat der Schaubühne die Subventionen streichen. Anlass ist ein Seminar über Marxismus-Leninismus für die Schauspieler. Senator Lummer bezeichnet das Theater als »kommunistische Zelle«, unter dem Vorzeichen der Kunst werde »primitive Propaganda« betrieben.

Die Mauer hatte Westberlins Publikum abgeschnitten von der Teilhabe am Weltruhm der Ostberliner Theater, nun muss die Schaubühne selber, quasi aus Not, einen eigenen Ruhm begründen für ihr Publikum. Es gelingt bravourös, mit Bruno Ganz, Jutta Lampe, Edith Clever, Corinna Kirchhoff, Udo Samel, Otto Sander, später Ulrich Matthes, Wolfgang Michael, Thomas Thieme, und Regisseuren wie Grüber und Bondy.

Das Theater geht dabei den Weg jedes klugen Lebens: vom Aufbruch ins Bedenken, von der Kühnheit, die Welt zu verändern, hin zum Mut, die Welt auszuhalten. Steins Truppe war in ihrer Besessenheit, zu revolutionieren, eine Ballung von Pionieren, sie ist es auch weiterhin - nun aber, indem sie der 68er-Generation auf dem Weg in die Schwermut vorausgeht.

Dem Theater geht das Drama verloren, die Kunst lässt ab vom Kampf der sozialen Kräfte. Man spielt, als erstrahle hauptsächlich in jedem Scheitern die eigentliche Offenbarung. Theater, zu klug und zu schön, um sich noch an illusorischem Eingreifen zu beteiligen. Solches Theater ist der rabiat öden Politik edelstes und zugleich unglücklichstes Opfer - oder es ist der wahre Widerstandsgeist, weil er über allen schmutzigen Wassern schwebt. Tschechow, Gorki, Ibsen als Möglichkeit, Menschen beim Leben zuzuschauen und immer vorsichtiger zu werden im endgültigen Urteil über sie.

Anfang der achtziger Jahre zieht die Schaubühne an den Lehniner Platz am Ku'damm. Stein, besessener Stürmer und Dränger, ist inzwischen ein Regisseur kolossaler Retrospektiven. Die Opulenz seiner Gesellschaftstableaus entspricht der Wohlstandsmentalität des Publikums. Aber durch künstlerischen Adel distanziert sich Stein zugleich von drohender Komplicenschaft. Die bundesrepublikanischen Sittenbilder von Botho Strauß: wehe Endgültigkeit, traurig und komisch zugleich. Als Patriarch Stein die Bühne im Streit verlässt, Mitte der Achtziger, verlässt er gleichsam sein eigenes Museum. Die Schaubühne ganz bei sich - aber: Wie nah ist sie noch der donnernden Welt, um auch das Ende der eigenen Größe zu ahnen. Alexander Lang, Jürgen Gosch, dann Andrea Breth: Verwalter einer Agonie.

1999. Thomas Ostermeier übernimmt (zunächst mit Choreografin Sasha Waltz) die Bühne. In der Baracke des Deutschen Theaters Berlin hatte Ostermeier mit Mark Ravenhills »Shoppen und Ficken« einen Ruhm des Radikalen begründet, dessen soziale Schärfe er mit an den Ku'damm nimmt. Mit der Eröffnung der neuen Ära, mit »Personenkreis 3.1« des Norwegers Lars Noren, wird eine solche Empfindungsnähe zu Deklassierten offenbart, dass sich traditionsgebundene Besucher aus den gehobenen Kreisen Westberlins düpiert fühlen müssen. Es riecht nach Nachtasyl, der Ton röhrt und röchelt, aus Seelen spritzt Dreck.

Rund ums Theater feiert der verbleichende Westen mit seinen faltigen, künstlich gebräunten Lebemänner-Resten letzte lächerliche Feste einer erstickenden Mentalität; im benachbarten Alt-Edel-Italiener »Ciao« sitzen trotzig-verloren die alten Schaubühnenstars und geben sich Mühe, nicht schneller zu gilben als ihre Porträts an der Wand - indes Ostermeier mit grellen Elends- und dunklen Bosheitsbildern die gehobene Melancholie kalt von der Bühne stößt.

Jede junge Revolution muss wählen, ob sie Sekte sein oder Erfolg haben will. Ostermeier entscheidet sich für den Erfolg, ohne vom Revolutionieren zu lassen. Er sieht ästhetisch früh ein, was Lenin einst politisch zu spät erkannte. »Es gibt kein absolut Neues, das nicht Elemente des Bisherigen enthält. Man kann das Alte nicht schroff herausreißen.« So bietet Ostermeier dem alten Publikum fortan, zum Beispiel, die alten Plüsch-Klassiker Ibsens, versetzt sie aber in die modern-vershoppte, laptopfitness-coole Gegenwart der fies Erfolgreichen. Anne Tismers Nora, Katharina Schüttlers Hedda Gabler werden Protagonistinnen antibourgeoisen Theaters - für Bürger. Neuer Weltruhm - für Kunst über eine ruhmlos und ruchlos gewordene Welt.

Mit Ostermeier wächst ein zweiter ruppiger Berliner Ausdauerkünstler à la Castorf heran; durch die Kraftschleuse seines Hauses gehen Regisseure wie Luk Perceval und Falk Richter und Volker Lösch, hier spielen Susanne Lothar, Sepp Bierbichler, Gert Voss, Ulrich Mühe, Corinna Harfouch; hier gewinnen anfangs schüchtern wirkende Spieler wie Jule Böwe und Thomas Bading und Mark Waschke kraftvolle Intensität. Und: Hier steigt Lars Eidinger zu einem grandiosen, antiheldischen Heldenakteur auf, dessen körperliche Expressivität an die Artistiklüste eines Ekkehard Schall denken lässt, dessen provokante Weichheit an die androgynen Fallstudien eines Oskar Werner erinnert, und der mit Täuschungsmanövern des farblos Ebenmäßigen faszinierend listig an Klippen lockt.

Jeden Abend Theater. Weltenriss und Weltenbund. 50 Jahre eines Theaters lassen daran denken, wie das jeweils Junge, Unbedingte, Erregende irgendwann in die Archive wandert, um erinnerungswürdig tot zu bleiben, immerdar. Das Geschehende auf einer Bühne ist im nächsten Moment das Vergangene. Schiller: »Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.« Das stimmt, jeder weiß es, betont es, und doch wird der Vorhang jeden Abend einzig nur geöffnet (wie man jeden Morgen, im wahren Leben, den Vorhang vor den Augen aufzieht), um vielleicht heute, gerade heute und heute wie nie! diese eine unumstößliche Wahrheit (Vergänglichkeit!) umzustoßen.

Ein Halbjahrhundert, und natürlich: Zukunft. Die besteht nicht, wenn das Theater ein gutes bleiben will, im Erreichen anderer Gestade; Zukunft ist immer »nur« der beständige Wind in den Segeln. Mehr als das ist nie zu bekommen - und wäre doch was Großes.

Im Osten Weigel, im Westen Giehse
Sturm und Drang, dann Schwermut
Plüsch-Klassiker: vershoppt

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