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Coworking Spaces schießen in Berlin aus dem Boden. Was steckt dahinter?

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Eine dicke Elster begrüßt mich auf der Startseite und bittet um die Eingabe der Benutzerdaten. »Coworker-985« gebe ich ein und frage mich, was die Zahl zu bedeuten hat. Das Tagesticket kostet zwölf Euro. Bezahlt habe ich an der Theke. Man kann auch ein Monatsticket erwerben. Das kostet dann 180 Euro. Happige Preise, denke ich. Durch die offene Tür des Raums im ersten Stock dringt Soulmusik aus dem Schankbereich - eine Wendeltreppe tiefer. Die Wände sind roh, eine dünne Holzwand mit großen Scheiben zieht sich durch den Raum. Ich sitze an einem schwarzen großen Konferenztisch, mir schräg gegenüber sitzt ein etwa 30-Jähriger. In seinen Ohren stecken weiße iPod-Ohrstecker. Gleich zwei Laptops hat er sich mitgebracht. Gelegentlich stöhnt er leise.

Coworking. Zusammen arbeiten. Klingt gut. In Berlin schießen die Coworking-Spaces aus dem Boden. Rund vierzig gibt es mittlerweile. Charlottenburg, Neukölln, Kreuzberg, Mitte sind die Hotspots. Die Größe variiert. So hat das mittlerweile überregional bekannte Betahaus am Moritzplatz rund 200 Arbeitsplätze, während andere nur zehn oder zwanzig Plätze anbieten. »Bist du es müde, dass dich die Bedienung alle zehn Minuten anspricht, ob du noch einen Kaffee willst?«, so wirbt der Coworking-Space »Launch/Co« in Berlin-Friedrichshain für seine Dienste.

In der Tat, das Gefühl kenne auch ich. Als freiberuflicher Autor sitze ich auch gelegentlich in Cafés mit meinem Laptop. Sonne, das Leben um mich herum - schön. Doch die Arbeit im Café kann auch schwierig sein: Laute Musik, langsames Internet, Essensgerüche und das latent schlechte Gewissen, wenn man seit zwei Stunden an der gleichen Tasse Kaffee nippt. In diese Lücke schlägt zum Beispiel das »Nest« in der Görlitzer Straße. Unten Café und Restaurant, oben Coworking-Space.

Mich lockte der niedrigschwellige Zugang - einfach Ticket an der Theke lösen und los geht's - und der auf der Webseite gepriesene Ausblick über den Görlitzer Park. Leider waren die Zimmer mit Ausblick schon vergeben und ich muss im Konferenzraum mit Blick auf einen betonierten Hinterhof Platz nehmen. In den vorderen Zimmern haben sich ein paar junge Männer monatsweise eingemietet. Sie scheinen dort im Team zu arbeiten. Ich nehme mir vor, nachher mal zu fragen, was sie genau machen. Mal sehen, vielleicht ergibt sich ja eine Kooperation. Laptop ausgepackt. Notizbuch aufgeschlagen, im Internet eingeloggt - jetzt kann es beginnen.

Im Wedding ist das Konzept ein anderes. Im dortigen Coworking-Space »Raumstation« ist man an längerfristigen Tischnachbarn und auch an langfristiger Kooperation interessiert. Das vierstöckige Backstein-Hinterhaus macht einen wesentlich gediegeneren Eindruck als das »Nest«. Großzügige helle Räume, helles Holz, große Pflanzen vor dem Fenster und eine kleine Küchenzeile mit Espressomaschine.

Es macht Pling: Stephan will essen

Monika Hebbinghaus ist Journalistin und Radioautorin. Arbeitet für öffentlich-rechtliche Sender. Sie hat den Platz am Fenster ergattert. Seit zwei Jahren arbeitet sie hier und ist rundum zufrieden. Vor allem die Arbeitsatmosphäre schätzt sie: »Keine Bahnhofsatmo; und man hat Zeit sich an den Tischnachbarn zu gewöhnen«. Ihre Erfahrung ist, dass sich Coworking nicht einfach so ergibt, sondern »man muss Events schaffen, um was anzustoßen«. Zweimal im Jahr gibt es in der »Raumstation« gemeinsame Feste. Ein Sommerfest und ein Weihnachtsfest. Vergangenes Jahr beim Sommerfest lernte sie dann Holger kennen. Dieser betreibt ein Tonstudio im Keller. Seitdem kann sie ihre Radiobeiträge - gegen einen kleinen Beitrag in die Kaffeekasse - dort aufnehmen. Als eine Autorin aus der »Raumstation« ein Buch herausbrachte, produzierte Monika in Holgers Studio die Buchbesprechung im Audioformat. »So könnte man sich das ideal vorstellen«, sagt sie und lächelt.

Monika Hebbinghaus hat rotbraune Haare und trägt eine Blümchenbluse. Sie ist die Einzige, die mit ihrer Familie hier in der Nähe wohnt. Das macht das Arbeiten in der »Raumstation« zusätzlich praktisch. Andere kommen aus Kreuzberg oder aus Charlottenburg. Wie Stephan Fischer. Stephan ist nicht der klassische Soloselbstständige, der in Coworking-Spaces meist anzutreffen ist. Er ist angestellt bei einer Computerfirma in Düsseldorf. Da er aber nicht nach Düsseldorf ziehen wollte und die Firma ganz froh war, eine Dependance in Berlin zu haben, kam eins zum anderen. »Zuhause arbeiten ist Mist«, sagt er. Einerseits sei es schön unter Leuten zu sein, andererseits würde er zuhause immer durch die Waschmaschine oder seine kleine Tochter abgelenkt. Monika Hebbinghaus nickt: »Bei mir war es genauso«, und schlägt Stephan gleich vor, doch mal einen Programmierworkshop im Coworking-Space anzubieten. Gute Idee, findet Stephan, doch seit einiger Zeit denkt er über eine andere Sache nach. »Wenn ich mit meinen Kollegen hier essen gehen will, muss ich immer durch alle Etagen gehen und fragen, ob wer mitkommt. Ich würde gerne ein kleines Programm entwickeln, das mir das abnimmt. Zum Beispiel könnte dann auf jedem Bildschirm in der »Raumstation« ein Fenster aufgehen: »Pling. Stephan will essen. In zehn Minuten. Wer kommt mit?« »Ja bitte, mach das!«, sagt Monika.

Küchengeräusche und unbequeme Stühle

Zurück im »Nest«. Mein Artikel ist halb fertig. Doch ich rutsche auf meinem Platz hin und her. Zum einen klingen von unten die Geräusche aus der Küche nach oben und ich bekomme Hunger. Zum anderen ist der Stuhl, auf dem ich sitze, recht unergonomisch und mein Rücken meldet sich. Da sich bisher noch keine Essenskooperation im »Nest« ergeben hat, verabrede ich mich mit einem anderen Kollegen zum Mittagessen um die Ecke.

Frank heißt mein Tischnachbar im »Nest«. Das weiß ich nun. Er hat eine Firma für Marketing im Games-Bereich und hat sein Büro gekündigt. Einer seiner Mitarbeiter lebt auf Teneriffa, er selbst wird bald nach Madrid gehen. »Mir ist es egal, ob mein Kollege sein Telefon in Berlin oder auf den Kanaren abhebt - und den Kunden ist das auch egal.« Die Büromiete können sie nun sparen und für sinnvolle Dinge ausgeben. Aber Frank ist enttäuscht von den Bedingungen hier: Bei einer Videokonferenz brach die Internetverbindung permanent zusammen. »Coworking ist eine gute Idee, aber ich schau mir nochmal was anderes an.«

Kooperationen, sich kennenlernen, Equipment teilen - alles gute Ideen. Aber geht es darüber hinaus? Monika Hebbinghaus berichtet von einer Petition gegen den Sozialversicherungszwang für Selbstständige. 400 Euro sollte jeder und jede monatlich mindestens zahlen. Die Empörung unter den freiberuflichen Grafikern, Werbern und Architekten war groß. »Der Protest dagegen wurde in den Coworking-Spaces organisiert. Wir bekamen auch eine E-Mail in die »Raumstation« und das machte ruckzuck die Runde.« Coworking Spaces könnten so zu einer Art »berufsständischer Organisierungen« werden, wo sich Gleichgesinnte zusammenfinden. Eine Rolle, die die Gewerkschaften im zersplitterten selbstständigen Prekariat nicht mehr ausfüllen können. Gerade findet deutschlandweit sogar eine Woche des Coworking statt. Verschiedene Coworking-Spaces öffnen ihre Türen und veranstalten Events und Diskussionen.

Zu fragen, was die Coworker in den vorderen Räumen so machen, schaffe ich jetzt nicht mehr. Die zeitliche Deadline naht. Ich überlege, ob ich noch einen tiefsinnigen Schluss über das Wesen des Coworking hinkriege. Nein, keine Zeit mehr. Also ab mit dem Artikel - ich denke, das wird die Internetverbindung hier schon noch schaffen.

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