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Die verwechselte Dreizehn

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Fragt man nach dem Schöpfer der Relativitätstheorie, fällt die Antwort nicht schwer: Albert Einstein. Zwar haben auch andere Wissenschaftler hierzu wichtige Vorarbeiten geleistet, Hendrik Antoon Lorenz zum Beispiel und Henri Poincaré. Dennoch hat erst Einstein jenes imposante physikalische Gedankengebäude errichtet, das heute zurecht seinen Namen trägt.

Das gilt nicht für alle Entdeckungen. Nehmen wir nur das 1964 postulierte Higgs-Teilchen, von dem es heißt, es sei vor einigen Monaten am Europäischen Kernforschungszentrum CERN auch experimentell nachgewiesen worden. Sollte sich dies bestätigen, dürfte dem Namensgeber des Teilchens, dem heute 83-jährigen britischen Physiker Peter Higgs, der Nobelpreis sicher sein. 1964 hatte Higgs das sogenannte Standardmodell der Elementarteilchenphysik modifiziert, um zu erklären, wie an sich masselose Teilchen (Elektronen, Quarks etc.) Masse erhalten. Sie treten zu diesem Zweck mit einem Feld in Wechselwirkung, von deren Stärke wiederum die Größe der Masse abhängt. Und so wie etwa dem elektromagnetischen Feld als Quantenteilchen das Photon zugeordnet ist, wird jenem Feld, dem Higgs-Feld, das Higgs-Teilchen zugeordnet.

So steht es heute überall zu lesen. Und doch ist dies nicht die ganze Wahrheit. Denn 1964 sind nicht weniger als sechs Physiker auf den genannten Mechanismus zur Massenerzeugung bei Elementarteilchen gestoßen. Die Ehre, darüber als Erste berichtet zu haben, gebührt den Physikern François Englert und Robert Brout von der Freien Universität Brüssel. Ihr Aufsatz wurde am 31. August 1964 im Band 13 der Fachzeitschrift »Physical Review Letters« veröffentlicht. Der maßgebliche Beitrag von Higgs erschien dagegen erst am 19. Oktober 1964 - ebenfalls im Band 13 der erwähnten Zeitschrift. Dass man heute dennoch nur vom Higgs-Teilchen spreche, sei letztlich auf einen Zitierfehler zurückzuführen, schreibt der Wissenschaftsjournalist Adrian Cho im Fachblatt »Science« (Bd. 337, S. 1286). Schuld an diesem Lapsus war der US-Physiker und spätere Nobelpreisträger Steven Weinberg, der, als er den Aufsatz von Higgs an prominenter Stelle zitierte, ihn versehentlich dem 12. Band der Zeitschrift »Physical Review Letters« zuordnete. Damit schien es, als habe Higgs seine Ergebnisse vor den Brüsseler Forschern publiziert. Das ist zwar falsch, da aber niemand den Fehler bemerkte, konnte er sich über die Jahrzehnte in der Fachliteratur verbreiten.

Unabhängig von den drei Genannten kamen auch Gerald Guralnik, Carl R. Hagen und Tom Kibble vom Imperial College in London auf den »Higgs-Mechanismus«. Ihre Arbeit, die vollständiger war als die ihrer Konkurrenten, erschien im November 1964 in den »Physical Review Letters« und wurde anfangs recht skeptisch beurteilt - namentlich von dem deutschen Physiknobelpreisträger Werner Heisenberg, der so mit dazu beitrug, dass das in Europa erfundene Higgs-Teilchen zuerst in den USA die ihm gebührende Anerkennung fand.

Von den sechs Schöpfern des Higgs-Teilchens leben heute noch fünf (Brout starb 2011). Das sind natürlich zu viele für eine Nobelehrung, die bekanntlich auf drei Personen jährlich beschränkt ist. Wie die Stockholmer Jury dieses diffizile Problem lösen wird, erfahren wir frühestens 2013. Denn in diesem Jahr wurde die Liste der Nobelpreiskandidaten bereits im Februar geschlossen, fünf Monate vor der mutmaßlichen Entdeckung des Higgs-Teilchens am CERN.

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