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Vergangenes vergeht nicht

Laurent Mauvigniers Buch »Die Wunde«

Das Land versorgt diese Wunde erst seit kurzem. Das gelingt nicht ohne neuen Schmerz, er ist Bestandteil der Heilung. Unter dem Schorf schwärt es noch. Die Wunde Algerien blieb in Frankreich lange Zeit unbehandelt. Erst eine neue Generation von Autoren entdeckt diesen Teil der französischen Geschichte als literarischen Topos. Laurent Mauvignier wurde 1967 in Tours geboren, fünf Jahre nach dem Ende des Algerienkrieges. Erst kürzlich hat er die Wende jüngerer französischer Literatur vom Register des »Intimen« zur Geschichte und zur realen Welt beschrieben und begrüßt.

Sein kürzlich auf Deutsch erschienener Roman »Die Wunde« ist ein Meilenstein dieser neuen »Welthaltigkeit« der französischen Literatur. Er handelt von den lange Zeit verdrängten Grausamkeiten während des Algerienkrieges und seinen Folgen. Das stolze historische Erbe der Menschenrechte im französischen Nationalbewusstsein ließ lange Zeit die Folter, die rassistischen Ausradierungen ganzer Dörfer, die absurde Behandlung der Kolonie als französisches »Mutterland« nicht zum Gegenstand oder auch nur Hintergrund der französischen »belles lettres« werden. Das holt Laurent Mauvignier jetzt gründlich nach.

»Die Wunde« handelt nicht nur vom Krieg in Algerien, sondern vor allem von Bernard, der vier Jahrzehnte nach seinen Erlebnissen in diesem Krieg auf dem Geburtstag seiner Schwester in seinem Heimatort auftaucht, dort einem längst in Frankreich integrierten Algerier begegnet und dessen Familie gegenüber ausrastet. Erzählt wird das Ganze aus der Perspektive seines Cousins Rabut. Beide waren - damals noch minderjährig - als Wehrpflichtige in den Krieg geschickt worden, waren in der Nähe von Oran stationiert, wurden zu Tätern, ihre Kameraden zu Opfern, ihre algerischen Hilfstruppen, die Harkis, zu Im-Stich-Gelassenen, als die Franzosen 1962 aus dem Land abzogen.

Mauvignier verschont seine Leser nicht vor schlimmen Bildern und deutlichen Worten. Er verteilt de Grausamkeiten irgendwie korrekt auf beide Seiten, verschweigt nicht - literarisch in Zweifel verpackt - die Fragwürdigkeit des »zivilisatorischen Kolonialismus«, verneigt sich auch maßvoll vor dem Leid der »pied noirs«, der Franzosen, die ihre Ländereien und ihren Lebensstil mit der französischen Armee verlassen mussten und in Frankreich nicht an das »gute Leben« auf Kosten der Einheimischen in Algerien anknüpfen konnten.

Der Autor ist aber beileibe kein Historiker, obwohl er als Nachgeborener gut recherchiert hat. Die Fiktion tritt an die Stelle des Erlebnisberichts, reale Geschichte wird zum literarischen Topos wie in Littells »Die Wohlgesinnten« die Shoah aus dem Gedächtnis der Opfer oder ihrer Hinterbliebenen »befreit« und zum Sujet eines Romans geworden ist. Solche Übergänge von der Realität in die Fiktion sind meist schmerzhaft, weil das Fiktionale in seinem reflektierten Realismus eine größere emotionale Wucht entfalten kann als der eher Mitleid erzeugende Augenzeugenbericht.

Laurent Mauvignier erzählt darüber hinaus von der traumatisierenden Langzeitwirkung der Erfahrung von Grausamkeit, ob erlitten, gesehen oder begangen. Diese Spätfolgen von schlimmen Verbrechen - um nichts anderes handelt es sich ja - sind in Algerien und in Frankreich heute noch zu besichtigen. Insofern ist der Autor in eine Rolle als Zeitzeuge hineingewachsen - Geschichte vergeht eben nicht so schnell und vor allem nicht so nachhaltig. In diesem Sinne ist der exzellent erzählte Roman auch als sehr nachdenklich machendes Buch über die »condition humaine« in der Geschichte zu lesen - eine Warnung, ohne die die Wunde nicht dauerhaft geschlossen werden kann.

Laurent Mauvignier: Die Wunde. Roman. Aus dem Franz. von Annette Lallemand. dtv. 297 S., brosch.,14,90 €.

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