Angreifbare Traditionspflege

Die Strafverfolgung mörderischer Gebirgstruppler wird wieder möglich

  • Von Ulrich Sander
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.

Für Frederik Rüter, Professor am Institut für Strafrecht der Universität Amsterdam, ist eines klar: »Eine Prozesswelle, die auch die Wehrmacht tangiert hätte, wäre außenpolitisch höchst unglücklich und innenpolitischer Selbstmord gewesen.« Gemeint war das fast vollständige Ausbleiben juristischer Aufarbeitungen der Verbrechen der deutschen Wehrmacht. Das könnte sich nun ändern.

Seit über 50 Jahren können sich im Kameradenkreis Gebirgstruppe - eine der größten Traditionsvereinigungen von Reservisten aus Reichswehr, Wehrmacht und Bundeswehr - nicht verurteilte Täter ungestört der Traditionspflege hingeben. Kriegsverbrechen von Einheiten der Gebirgsjäger wurden von der deutschen Justiz bislang nicht geahndet. Stattdessen werden die Untaten regelmäßig in ihrer Verbandszeitung »Gebirgstruppe« verharmlost und teilweise offensiv geleugnet. Auf den jährlichen Pfingsttreffen am Hohen Brendten treten seit Jahren österreichische Veteranen mit Hakenkreuz-Orden auf. Unter den Augen der Bundeswehr, der bayerischen Staatsregierung und des Kameradschaftsmitglieds Edmund Stoiber hat sich eine Organisation etabliert, die Kriegsverbrecher in ihren Reihen duldet und in Ehren hält. Stoiber nennt das »unangreifbare Traditionspflege«. Als diese Äußerung Proteste auslöste, ließ er seine Staatskanzlei erklären, er habe nur die Vorläufer in Bayern im 19. Jahrhundert gemeint. Inzwischen können bestimmten Veteranen der deutschen Wehrmacht konkrete Kriegsverbrechen und Morde zugeordnet werden. Junge und ältere Amateurhistoriker aus der Gruppe »angreifbare traditionspflege« und aus der VVN-BdA haben in den letzten Monaten Erlebnisberichte, etwa in der Zeitschrift »Gebirgstruppe«, mit Fahndungsunterlagen, Ermittlungsakten und historischer Fachliteratur abgeglichen. Als die Rechercheure ihre Ergebnisse auf Kameradschaftstreffen vortragen wollten, ernteten sie nicht nur Flüche und Schläge, sondern auch Klagen wegen Beleidigung und Hausfriedensbruchs. Doch die Historikergruppe kündigte an, die gegen sie angestrengten Verfahren umzudrehen und eine Wieder- bzw. Neuaufnahme der Ermittlungen gegen die noch lebenden Täter im Kameradenkreis anzuregen. Bei diesen Prozessen werde man »in Zusammenarbeit mit Historikern und Angehörigen der getöteten Zivilisten aus Griechenland, Frankreich, Italien und Finnland reichhaltiges Beweismaterial vorlegen«, erklärten die Hobbyhistoriker. Das beeindruckte die Behörden. Staatsanwälte bekamen den Wink aus der Staatskanzlei, die Dokumente nicht einfach zu ignorieren, wie es zuvor jahrzehntelang geschah. In diesen Dokumenten heißt es etwa über noch lebende Kommandeure von Kompanien des 98. Regiments der 1. Wehrmachtsgebirgsdivision, sie hätten im Epirusgebiet die Geheime Feldpolizei bei der Deportation griechischer Juden unterstützt. Unter dem Deckmäntelchen der »Bandenbekämpfung« habe man über 1000 Griechen getötet und allein im Oktober 1943 mehr als 100 Dörfer zerstört. Die VVN-BdA von Nordrhein-Westfalen war in der Lage, 71 Personen zu benennen, die dringend der Mittäterschaft verdächtig sind und bis heute zu den Teilnehmern der alljährlichen Pfingsttreffen von Mittenwald gehören. »Gegen sie muss dringend ermittelt werden«, verlangten die Antifaschisten. Die bayerischen Behörden wurden aufgefordert, »endlich aus der Tradition des Kalten Krieges« auszubrechen, die dazu beigetragen habe, »dass über 300 Ermittlungsverfahren gegen die Täter aus den Reihen der Gebirgsjäger der Wehrmacht und SS einfach niedergeschlagen wurden, weil man die alten Wehrmachtkader für die neue Bundeswehr brauchte«. Zahlreiche Täter gelangten in höchste Positionen, so Wehrmachtoberst Karl-Wilhelm Thilo, der in der Bundeswehr Generalmajor, Kommandeur der 1. Gebirgsdivision und stellvertretender Heeresinspekteur wurde. Als Chef des Stabes der 1. Gebirgsdivision der Wehrmacht unterzeichnete er Massenmordbefehle gegen Jugoslawen und Griechen. Und er schrieb mit an Büchern, die in der Bundeswehr kursierten, um den Völkermord zu preisen. Unter »Beute« führte Thilo in seinen Berichten an den Divisionsstab auch »tote Banditen« - 153 Männer, Frauen, Kinder und Greise zwischen einem und 75 Jahren, die im griechischen Dorf Mousiosas am 25. Juli 1943 ermordet wurden. Nach längerem Zögern hat die bayerische Staatskanzlei die Dokumente der Antifaschisten kürzlich der Justiz des Landes übergeben. Die Zentrale Stelle der Justizverwaltungen der Länder in Ludwigsburg spricht im Zusammenhang mit der 1. Gebirgsdivision der Wehrmacht von »nationalsozialistischem Unrecht«, das in den Angaben der Rechercheure erkennbar sei. Deren Angaben waren mittlerweile Anlass mehrerer strafrechtlicher Überprüfungen. Nunmehr sollen in solche Ermittlungen unter dem Aktenzeichen 508 AR 1110/02 die bisher nicht bekannten Tatorte und Tatverdächtigen sowie einzelne Tatgeschehen einbezogen werden, die von den antifaschistischen Organisationen benannt wurden, Gegenstand von Ermittlungen werden. Gut möglich also, dass nach vielen Jahren des Stillstands doch noch ei...

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