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Gespür für Geschichte

Zum 70. von Christa Sammler: Bildhauerin mit Bürgersinn

In den siebziger Jahren wollte der Elternbeirat der Heinrich-Schliemann- Oberschule in Berlin-Prenzlauer Berg den Namenspatron der Schule, den Ausgräber von Troja, Mykene und Tiryns, mit einem Bildwerk gewürdigt sehen. Der mit dem Anliegen befasste Verband Bildender Künstler - so lief das damals - hätte niemand Geeigneteren benennen können als die Bildhauerin Christa Sammler. Sie hat ein besonders ausgeprägtes Verhältnis zur Geschichte, das auf verschiedene Weise ihre Aktivitäten bestimmt. In ihrem plastischen Schaffen stellte sie sich von Anfang an der Herausforderung, vor dem zu bestehen, was die griechische Antike der ganzen europäischen Kultur und Kunst auf ihren Weg mitgab. Die Ausbildung bei Walter Arnold in Dresden und vor allem die Meisterschülerschaft bei Gustav Seitz an der Berliner Akademie haben diese persönliche Haltung gefördert: Ihr einstiger Mitstudent Jo Jastram sagte zu Recht, sie sei in Griechenland zu Hause. Das war 1988, als die aus Breslau stammende Berlinerin den Kollwitz-Preis der Akademie der Künste der DDR empfing. Schon das aufgestützt lagernde »Mädchen mit Apfel« von 1964, das in mehrere Sammlungen kam, zeigte, wie tief Christa Sammler die klassische Harmonie von maßvoller Bewegung, Körper und Gewand, Sinnlichkeit und Bewusstheit verinnerlicht hatte. Es bestätigte sich in dem Reliefzyklus »Musik« für das Kongresszentrum in Chemnitz. Der flächengebundenen Plastizität wie dem erzählerischen Potenzial von Reliefs gilt ihre besondere Zuneigung. Das begann 1964 mit Stillleben, in denen sie Fundstücke aus verschiedenen Epochen zusammenführte, die sie selbst gleich einer Archäologin aus den Trümmern Berlins geborgen hatte, und an denen sie den Wert geschichtlicher Erinnerung für heutiges Leben nachfühlbar machte. Ähnlich sind auch die eindringlichsten unter den Reliefs an der Schliemann-Stele, die mit der Schule an deren neuen Ort zog, und das Ausgraben vergangener Kultur aus dem Schutt geschichtlicher Katastrophen kehrte höchst suggestiv an der zentralen doppelseitigen Stele »Gegenwart-Vergangenheit« aus dem ungewöhnlichen Zyklus »Natur-Mensch-Gesetze« wieder. Andere Teile dieses Zyklus, der als Auftrag der Akademie der Wissenschaften der DDR begonnen wurde und heute wirkungslos im Magazin ruht, versinnbildlichen stilllebenhaft, mit hohem Abstraktionsgrad, die Elemente und das wissenschaftliche Streben nach Erkenntnis von Naturgesetzen. Christa Sammler verlässt aber ihr stilles Atelier und ihre schönen, gedankenreichen Stillleben seit vielen Jahren immer wieder, um sich wie eine Denkmalpflegerin und auch im Streit mit den amtlichen Denkmalpflegern für die Werke anderer Bildhauer und für einen produktiven Umgang mit der Geschichte, speziell der Geschichte der Berliner Denkmalplastik einzusetzen. Da wird sie zur Forscherin, zur Stadtplanerin und zur Demonstrantin für die Wiedergewinnung der historischen Ästhetik des Areals vor Schinkels Altem Museum. Mit den vereinten Kräften der Gesellschaft Historisches Berlin erreichte sie beim Präsidium des Berliner Abgeordnetenhauses, dass das Denkmal des preußischen Reformers Freiherr vom und zum Stein demnächst nicht an einer urbanistisch unbefriedigenden Stelle, sondern vor dem Gebäude des Stadtparlaments wieder aufgestellt wird. Über einen solchen Erfolg freut sich Christa Sammler wie über ein Geschenk zu ihrem heutigen 70. Geburtstag, zu dem ihr herzlich gratuliert sei.

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