Die 85-Prozent-Gesellschaft

Der Volksmund hat Recht: Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer

  • Von Wolfgang Kühn
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.

Eine Seltenheit in der sozialwissenschaftlichen Literatur: ein Buch, welches das Reichtumsgefälle in der Bundesrepublik schonungslos beleuchtet und zudem den Osten nicht vergisst.

Einen umfassenden Überblick über die sozialstrukturelle Entwicklung in Deutschland vor und nach der Wiedervereinigung bietet ein Werk von Prof.Rainer Geißler, das jetzt in der dritten Auflage erschienen ist. Für den aktuellen Streit über die Zukunft des Sozialstaates in der Bundesrepublik findet der Leser zahlreiche Fakten, die bei der Suche nach Lösungen zu nutzen sind. Dazu gehört beispielsweise der Abstand im Lebensstandard zwischen Armen und dem Durchschnitt der Bevölkerung, der kontinuierlich größer wird. Armut dringt auch zunehmend in die erwerbstätige Bevölkerung vor. Die aus anderen Gesellschaften bekannten »Working Poor« bilden auch in Deutschland mit gut einer Million Menschen ein bedeutendes Segment der Armutsbevölkerung (S. 254 ff). Besondere Risikogruppen beim Abgleiten in die Armut sind laut Prof.Geißler neben den traditionellen Gruppen der allein erziehenden Mütter und der kinderreichen Familien neuerdings Langzeitarbeitslose und Migranten. Insgesamt schätzt er die Zahl der von Armut Betroffenen auf fünf bis sechs Millionen Personen.

Immer mehr Wohlhabende
Umgekehrt belegt der Siegener Wissenschaftler an anderer Stelle seines Buches, dass die Wohlhabenden in der Bundesrepublik immer zahlreicher und gleichzeitig immer reicher geworden sind. So hat sich der Anteil der Haushalte mit einem monatlichen Nettoeinkommen über 10000 DM (5113 Euro) zwischen 1972 und 1998 versiebenfacht - bei wachsenden Abständen zwischen den einzelnen Einkommensgruppen. Es ist also kein Phantom, wenn 75Prozent der westdeutschen und sogar 86Prozent der ostdeutschen Bevölkerung meinen, dass die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden (S.96). »Das Schlagwort der Zwei-Drittel-Gesellschaft dramatisiert zwar die Situation in den alten Bundesländern«, meint Prof. Geißler, »in Westdeutschland existiert eher eine 85-Prozent-Gesellschaft, - was jedoch der sozialpolitischen Brisanz dieser Problematik keinen Abbruch tut.« (S.269).
Hervorzuheben in diesem Werk ist die Gegenüberstellung der Verhältnisse in der DDR und der Bundesrepublik sowie den neuen und den alten Bundesländern. Auch dadurch unterscheidet es sich wohltuend von anderen Standardwerken wie dem von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen »Datenreport 2002«. Hier existieren bis 1990 nur das frühere Bundesgebiet und danach nur die Gesamtrepublik.
Es ist selten, dass ein aus dem Westen stammender Sozialwissenschaftler der DDR-Gesellschaft Modernisierungsvorsprünge bescheinigt. »In einigen Bereichen war die ostdeutsche Gesellschaft moderner als die westdeutsche«, schreibt Geißler. »An erster Stelle sind hier der strukturelle Gleichstellungsvorsprung der Frauen zu nennen und die damit einhergehende Familienstruktur. Auch die Versorgung der Bevölkerung mit beruflichen Grund-Qualifikationen war in der DDR besser, und auch der Akademikeranteil war etwas größer.« (S.440). Die neue Ost-West-Ungleichheit sieht der Sozialwissenschaftler als Ergänzung zum klassischen Verteilungskonflikt zwischen Oben und Unten. »Die teils modernisierungsbedingte und daher unvermeidliche, teils aber auch überzogene westdeutsche Dominanz in vielen Lebensbereichen hat zur Folge, dass eine große Mehrheit der Ostdeutschen die Vereinigung auch als allgemeine Abwertung und Ausgrenzung empfindet, als ökonomische, soziale, kulturelle und politische Deklassierung.«(S.453)

West-Ost-Rückerstattung
In diesem Zusammenhang ist eine andere Passage aufschlussreich. Die Wanderungsströme von Ost- nach Westdeutschland bis zum Mauerbau führt Geißler auf den wirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik zurück, der die Neuankömmlinge geradezu »aufgesogen« habe. »Ihre häufig hohen Qualifikationen wurden auf dem Arbeitsmarkt dringend benötigt. Zudem sparte die Bundesrepublik durch den "Humankapitaltransfer" aus der DDR Ausbildungskosten, sodass die Ausgaben für den Bildungsbereich vorübergehend unter die Standards der Weimarer Republik absanken.« (S.76). So ist es nicht unberechtigt, heute einen Teil der als Solidarleistung deklarierten Finanztransfers West-Ost durchaus als eine »Rückerstattung« zu betrachten.
Nicht durchgängig überzeugt dagegen die von Geißler vertretene Modernisierungstheorie. Danach sei die treibende Kraft der Modernisierung die »Steigerung der Fähigkeit einer Gesellschaft, die Bedürfnisbefriedigung möglichst vieler Menschen durch ein bestimmtes Arrangement ihrer sozialen Wirkungszusammenhänge zu erhöhen«. Was ist aber an einer Gesellschaft modern, wenn 15Prozent ihrer Mitglieder vom angemessenen Leben der Kerngesellschaft ausgeschlossen bleiben oder der Geburtenrückgang und die damit verbundene Alterung der Gesellschaft mit ihren Folgen nicht aufgehalten werden?

Rainer Geißler: Die Sozialstruktur Deutschlands - Die gesellschaftliche Entwicklung vor und nach der Vereinigung. Wiesbaden: Westdeutscher Ve...

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