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Das Maurerlot von »O meu pai«

ND-Spendenaktion für SODI, INKOTA und Weltfriedensdienst / Ein alter Arbeiter, seine Enkelin Josine und »schwarze Weisheiten«

  • Von Landolf Scherzer
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Spendenaktion für Moçambique - bis zum 27. Dezember gingen 18600 Euro ein - geht dem Ende entgegen. Zum Thema ein Beitrag von Landolf Scherzer mit einer Idee zur Fortsetzung der Moçambique-Hilfe auf andere Art.
Bevor ich 1982 nach einem Arbeitsjahr in Moçambique (ich hatte am Sambesi mit Afrikanern blocos, Hohlblocksteine, zum Bau fester Häuser in einem Bergarbeiterdorf geformt) in die DDR heimflog, schenkte mir »O meu pai« ein altes afrikanisches Maurerlot. Ein Kupferpendel an einer langen Schnur, die an einer Holzrolle befestigt war. »O meu pai« war der älteste afrikanische Arbeiter der Baustelle, so alt, dass weder er noch seine Familienangehörigen wussten, wie alt er eigentlich war. Ich nannte ihn ehrfurchtsvoll »O meu pai« - mein Vater. Eines Morgens zeigte er einem seiner neun Söhne die neuen Steinhäuser. Der Sohn, er mag 30 Jahre alt gewesen sein, trug in seinen großen Händen ein winzig kleines Mädchen. Seine Hände als schützendes Tragetuch. Nie wieder habe ich danach in Afrika einen solch behutsamen Vater mit seinem Kind gesehen, denn in der Regel werden die Kinder nur von den Müttern oder den älteren Geschwistern behütend getragen. Das Foto von Vater und Kind kam dann als Titelbild meines Moçambique-Buches »Bom dia, weißer Bruder«. Vor drei Monaten erhielt ich Post von einer 21-jährigen Josine aus einem kleinen Dorf am Sambesi. Sie schickte mir den Schutzumschlag jenes Buches, das ich 1984 für »meine« blocos-Arbeiter vom Sambesi mitgegeben hatte, und schrieb, dass sie das Kind sei, das der Vater so sicher in seinen großen Händen hält. Sie hat überlebt. Ihr Vater auch. Allerdings nur als Krüppel. Eine Mine zerfetzte ihm das rechte Bein. »O meu pai« ist tot. Genau wie sechs der 12 Geschwister von Josine. Verhungert. Typhus. Malaria. Zwei verbrannten, als die bondidos den Busch um das Dorf herum anzündeten. Josine ist heute Lehrerin. Sie unterrichte 6- bis 18-Jährige in einer Klasse. Die meisten laufen 10 oder 15 Kilometer barfuß durch die Dornensavanne bis zur »Schule«. Der einzige Schulraum ist der Schatten eines mächtigen alten Affenbrotbaumes. Josine bat in dem Brief um Hilfe. Es fehlen Hefte und Stifte. Gemeinsam mit ehemaligen DDR-Vertragsarbeitern aus Moçambique, die heute noch in Thüringen leben, schickten wir sechs Pakete mit Papier und Bleistiften. Außerdem für Josine ein Foto des alten moçambiquischen Maurerlotes - jenes Geschenks von »O meu pai«, das ich damals mitbrachte. Mitgebracht hatte ich auch »schwarze Weisheiten«, an die hundert afrikanische Sprichwörter. So zum Beispiel: Ein großer Regen kann ein Land mehr verändern als ein großer Häuptling. Oder: Im Haus des Mutigen gibt es Tränen, im Haus des Feiglings wird nicht geweint. Oder: Es ist besser, man hat Staub an den Füßen als Blasen am Hintern. Oder: Ein weiser Häuptling hat es nicht nötig, seinen Namen immer wieder ausrufen zu lassen. Oder: Nur wer den Weg verliert, lernt ihn kennen. Oder: Man kann das Herz nicht beugen wie das Knie. Ich möchte nun gern ein Minibuch mit »SCHWARZEN WEISSHEITEN« für die Moçambique-Hilfe herausgeben. Ein Künstler in Moçambique würde das Büchlein illustrieren und der Nora-Verlag in Berlin könnte es vielleicht (wenn ich ihn herzlich bitte, was hiermit geschieht!) kostenlos drucken. Bleibt die Frage: Welche Buchhändler wissen Rat, wie man dann solch ein Soli-Büchlein außerhalb des normalen Buch-Geschäftes sozusagen für eine Spende in den Buchhandlungen verkaufen könnte. Nur 1000 Stück für je zwei Euro, das wären 5000 Hefte und Stifte. Es sei schwer, so ein Büchlein nebenbei zu verkaufen, meinten einige Buchhändler. Aber wie sagen die Afrikaner: Bäume können sich nicht treffen, aber Menschen. Oder: Die Hoffnung ist die Stütze der Welthülle.
Wer für die Bildungsprojekte von Solidaritätsdienst-international (Schule Mahulana), INKOTA-netzwerk (Frauenkooperative »Che Guevara«) und Weltfriedensdienst (Berufsausbildungszentrum Chimoio) spenden möchte - hier das gemeinsame Spendenkonto der Aktion: Solidaritätsdienst-international, Kennwort »Bildungschancen«, Konto-Nr. 99 000 92 20 bei der Berliner Sparkasse, BLZ 100 500 00. Postadresse: Spendenaktion Mocambique; Postfach 141572, 10149 Berlin E-Mail-Kontakt: mocambique@inkota.de Spendenquittungen nach Ende der Aktion über Tel: 030-9286047 (SODI)

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