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Heimspiel für Sarah Kirsch

  • Von Roland Geißler, Heiligenstadt
  • Lesedauer: 2 Min.
Es ist trist an diesem Frühwintertag. Immer mehr Menschen drängen in die evangelische Pfarrkirche zu Limlingerode - bald schon sind es mehr Besucher, als der kleine Ort Einwohner zählt. »Limlingerode? Nie gehört, wo liegt das denn?« Diese Frage ist berechtigt, denn selbst auf Autokarten ist es schwierig, den im südlichen Harzvorland gelegenen 300-Seelen-Ort zu finden. Auf einer »Karte der Dichter und Denker« würde er aber ganz sicher seinen Platz bekommen. Bei der Übergabe der »Dichterstätte Sarah Kirsch« war auch die berühmteste Limlingeröderin selbst anwesend. Die am 16. April 1935 geborene Ingrid Hella Irmelinde Bernstein, die sich später den Namen Sarah Kirsch zulegte, verbrachte die ersten drei Jahre ihres Lebens in der kleinen Gemeinde, bevor sie mit ihren Großeltern nach Halberstadt zog. In der ehemaligen DDR protestierte sie vehement gegen die 1976 vollzogene Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Als Erstunterzeichnerin der Biermann-Petition war sie Repressalien ausgesetzt, worauf sie 1977 mit ihrem damals achtjährigen Sohn nach Westberlin übersiedelte. Inzwischen im schleswig-holsteinischen Tielenhemme beheimatet, trieb sie Mitte der neunziger Jahre die Neugierde in ihren Geburtsort, der bis 1989 ein »Mauerblümchendasein« im ehemaligen Grenzgebiet zu Niedersachsen fristen musste. Dabei sah sie auch ihr Geburtshaus, die ehemalige Pfarre, in einem jämmerlichen, vom Verfall bedrohten Zustand. Heidelore Kneffel, die rührige Pressesprecherin beim Landratsamt Nordhausen, sorgte dafür, dass Sarah Kirsch seit einigen Jahren wieder gern ihren Geburtsort aufsucht. Im Juli 1996 schrieb sie einen Brief an die Dichterin und fragte, ob sie bereit wäre, in ihrem Geburtsort Limlingerode und in der Kreisstadt Nordhausen zu lesen. Diese kam der Bitte nach. Außerdem wollte sie wissen, was aus ihrem Geburtshaus geworden ist. Gern würde sie es einmal von innen sehen. Daraufhin erhielt sie Fotos und ein reger Briefwechsel zwischen den beiden Frauen setzte ein. Im Februar 1997 konnte Frau Kneffel der Dichterin gar verkünden, dass deren Geburtshaus nun offiziell unter Denkmalschutz steht. Am 25. März 1998 riefen Heidelore Kneffel und die Nordhäuser Malerin Karin Kisker mit weiteren Freunden der Literatur den Förderverein »Dichterstätte Sarah Kirsch« ins Leben. Wie es in der Satzung heißt, geht es um die Beförderung des literarischen Werkes und Schaffens der Dichterin Sarah Kirsch und ihres literarischen Kreises in der Region. Das rekonstruierte Geburtshaus in Limlingerode wird nun Dichterwohnung, Bibliothek, Forschungs-und Begegnungsstätte sein. Aber nicht nur etablierte Autoren lesen hier, sondern auch Nachwuchsautoren werden gefordert und gefördert. Im März 2003 hat Sarah Kirsch mit einer neuen Lesung in Limlingerode ihr nächstes »Heimspiel«.

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